Chronic 1955 – 1970

1955

12. 10.
In der «Galery Six» am Embarcadero-Platz in San Francisco lesen die Schriftsteller Allen Ginsberg, Jack Kerouac und Gary Snyder einige ihrer Texte vor. Das 112Strophige Gedicht «Howl» (Gebrüll) und der Roman «0n the road» «Unterwegs» markieren den literarischen Beginn der «Beat-Generation». Ein Freund Kerouacs hatte 1952 in einem Aufsatz die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrten GIs als «the beaten generation», die geschlagene Generation bezeichnet.

1957

28. 7.
In Cosio d’Arroscia gründen mehrere Intellektuellen- und Künstlergruppen die Situationistische Internationale, deren Zentrum sich in Paris befindet und die sich aus Sektionen in Italien, der Bundesrepublik, den Niederlanden, Belgiens und Skandinaviens zusammensetzt. In der ersten Nummer ihrer gleichnamigen Zeitschrift fordern sie, «endlich mit der Verwirklichung des Kommunismus in der Revolutionierung des Alltagslebens anzufangen».

1958

15. 4.
In Berlin demonstrieren 5000 Studenten und Jungsozialisten mit einem Schweigemarsch gegen die geplante Atombewaffnung der Bundeswehr. Gegen das gleiche Vorhaben protestieren am 17.4.100.000 Hamburger; von mehreren Großbetrieben ziehen Demonstrationszüge mit Gewerkschaftsfahnen zum Kundgebungsplatz in der Innenstadt.

25. 6.
Der Beschluß des Konvents der Freien Universität Berlin (FU), eine Befragung der Studentenschaft über die atomare Bewaffnung der Bundeswehr durchzuführen, wird auf Druck des Ältestenrates am 4. 7. wieder zurückgenommen.

1959

4.1.
Nach mehr als zweijährigem Partisanenkampf in der Sierra Maestra ziehen Fidel Castro und Che Guevara mit der «Bewegung des 26. Juli» als Sieger in der kubanischen Hauptstadt Havanna ein. Nach dem militärischen Zusammenbruch der vom US-Kapital abhängigen Batista-Diktatur kann die kubanische Revolution beginnen.

3.1.-4.1.
An der Freien Universität Berlin findet ein «Studentenkongreß gegen Atomrüstung» unter Beteiligung von Bundestagsabgeordneten, Professoren, Schriftstellern und Gruppen von Atomwaffengegnern aus der gesamten Bundesrepublik statt. Bei der Verabschiedung eines Antrags zu Friedensverhandlungen mit der DDR verläßt der SPD-Wehrexperte Helmut Schmidt unter Protest den Saal.

23.-24. 5.
Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) veranstaltet in Frankfurt einen «Kongreß für Demokratie – gegen Restauration und Militarismus», auf dem ein sofortiger Rüstungsstopp in der Bundesrepublik und die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht gefordert wird.

13.-15. 11.
Auf einem außerordentlichen Parteitag der SPD in Bad Godesberg wird ein neues Grundsatzprogramm verabschiedet, in dem endgültig die sozialistische Arbeiterpartei durch eine marktwirtschaftlich orientierte «Volkspartei» ersetzt wird.

1960

8. 1.
Der Landesjugendring Berlin veranstaltet eine Protestdemonstration gegen antisemitische Synagogenschmierereien, an der sich über 10000 Jugendliche beteiligen.

1. 2.
In der amerikanischen Stadt Greensboro halten erstmals farbige Studenten ein Sit-in ab, um gegen die Rassentrennung in Kaufhausrestaurants zu protestieren. Bald darauf werden sie in fast allen Woolworth-Kaufhäusern der USA nachgeahmt und zu regelrechten Besetzungen weitergeführt.

26. 4.
Gegen die Wiederwahl des südkoreanischen Diktators Syng-man Rhee, die weithin als manipuliert angesehen wird, finden Massendemonstrationen statt, die erst durch schießende Polizeitruppen zum Stoppen gebracht werden können. Daraufhin durchbrechen 2000 Studenten der am Stadtrand Seouls gelegenen Korea-Universität die Bannmeile des Parlaments, indem sie die kilometerlange Strecke zur völligen Überraschung der Polizei in einem dreiviertelstündigem Dauerlauf zurücklegen. Als sie jedoch auf dem Rückweg von zivilen Beamten zusammengeschlagen werden, findet am folgenden Tag eine Demonstration von 20000 Studenten statt, die von sympathisierenden Passanten angefeuert werden. Nun eröffnet die Polizei sofort das Feuer, tötet über 100 Studenten und verletzt 750 von ihnen schwer. Die Folge ist eine ungeahnte Solidarisierungswelle im ganzen Land, in deren Verlauf das Haus des Vizepräsidenten angezündet wird. Am 26. 4. muß Diktator Rhee schließlich auf Rat seiner Militärs und der Amerikaner zurücktreten. Der Rest des Tages gehört den Studenten, die überall in Volksfesten als «Befreier» gefeiert werden.

4. 5.
In den USA wird ein Büro für die Verfolgung von Bürgern, die «unamerikanischer Umtriebe» bezichtigt werden, von 8000 Demonstranten besetzt. Als starke Polizeikräfte das Gebäude räumen und 68 Studenten dabei verhaften, bilden sich an zahlreichen Universitäten Unterstützungskomitees für die Ziele der Demonstranten.

9.5.
Eine gegenüber der Mutterpartei SPD loyale Fraktion spaltet sich vom SDS als angeblichem «trojanischen Pferd Pankows» ab und gibt in Bonn die Gründung eines Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) bekannt. Der Parteivorstand der SPD begrüßt daraufhin – am 23. 5. – die positive Haltung des SHB zum Godesberger Programm und die Ablehnung des Kommunismus. Am 19. 7. bricht die SPD alle Beziehungen zum SDS ab und verkündet schließlich – am 8.11.1961 – den Unvereinbarkeitsbeschluß einer Doppelmitgliedschaft in SDS und SPD.

15. 6.
Der japanische Studentenverband Zengakuren organisiert den Kampf gegen die Erneuerung eines Sicherheitsvertrages mit den Vereinigten Staaten. Am 15. i. verhindern 700 Studenten durch die Besetzung des Flughafens Tokio-Haneda den Abflug von Ministerpräsident Kishi in die USA. Nachdem es Kishi am darauffolgenden Tag dennoch gelingt abzufliegen um am 19. l. den Vertrag zu ratifizieren, demonstrieren 4 Millionen Arbeiter in ihren Betrieben und erklären sich mit den Forderungen der Studenten solidarisch. Als dann am 26. 4. über 3000 Studenten versuchen, in den Reichstag einzudringen, um dort die Ablehnung des Vertrages zu fordern, werden sie von starken Polizeikräften zurückgedrängt und organisieren statt dessen einen Demonstrationszug mit 35000 Teilnehmern durch das Zentrum von Tokio. Nach einer weiteren großen Manifestation am 10. 6., in deren Verlauf der Wagen des US-Botschafters am Flughafen von Studenten eingekesselt wird und seine Insassen erst nach einem einstündigen Kampf von Polizisten herausgeholt und in einem Hubschrauber entfliehen können, versuchen 8000 Studenten am 15. 6. eine Kundgebung auf dem Reichstagsgelände durchzuführen. Im Gegenzug von mehreren tausend zur Räumung herbeigerufenen Polizisten kommt dabei die Studentin Michiko Kamba ums Leben. Daraufhin stürmen noch am selben Abend 4000 Demonstranten das Reichstagsgebäude. Bei dem erneuten Gegenangriff der Polizei, die mit Gummiknüppeln und Tränengasgranaten ausgerüstet ist, werden mehr als 1000 Studenten verletzt und 182 verhaftet. Obwohl Eisenhower schließlich seinen Japan-Besuch absagt und es Zengakuren gelingt, am Tag der Oberhausdebatte über den Sicherheitsvertrag 300000 Demonstranten zur Belagerung des Reichstagsgebäudes zu mobilisieren, tritt der Vertrag dennoch in Kraft; allerdings um den Preis des Rücktritts von Ministerpräsident Kishi.

30. 6.
Die Republik Kongo erklärt ihre Unabhängigkeit von der belgischen Kolonialmacht. Doch schon am 6. 7. brechen kriegerische Auseinandersetzungen um die Machtverteilung des Landes aus. Am 11. 7. wird in Katanga die Gründung einer Separatistenregierung unter Tschombe bekanntgegeben, die vor allem eine Wirtschaftsunion dieses Industriegebietes mit Konzernen der alten Kolonialmacht anstrebt. Daraufhin bricht der kongolesische Ministerpräsident Lumumba – am 14. 7. – die diplomatischen Beziehungen zu Belgien ab. Trotz der Intervention von UNO-Truppen kann Lumumba verschleppt und – am 17. 7. 1961 – unter ungeklärten Umständen ermordet werden.

5.11.
Arabische und deutsche Studenten demonstrieren in Marburg gemeinsam gegen den französischen Kolonialkrieg in Algerien.

1961

Die Auswertung einer 1957 und 1958 durchgeführten empirischen Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten, die von den Soziologen Habermas, Friedeburg u. a. unter dem Titel «Student und Politik» veröffentlicht wird, ergibt, daß 66 Prozent der Befragten apolitisch sind, 16 Prozent sogar autoritätsgebunden und nur 9 Prozent einem «definitiv demokratischen Potential» zuzurechnen sind.

3.-4. 4.
Zu vier Großstädten der Bundesrepublik werden Sternmärsche von rund 10000 Atomwaffengegnern durchgeführt. Die Vorstände von SPD und DGB hatten zuvor ihren Mitgliedern die Teilnahme untersagt.

5. 4.
SDS-Mitglieder protestieren vor dem «Maison de France» in Berlin gegen den französischen Kolonialkrieg in Algerien. Dabei werden fünf Flugblattverteiler vorübergehend festgenommen.

8.4.-2.5.
Der SDS veranstaltet in Berlin ein Hochschulseminar, aus dem die im darauffolgenden Herbst erscheinende Denkschrift (Hochschule in der Demokratie) hervorgeht. In ihr wird programmatisch ein Selbstverständnis formuliert, das die Emanzipationsgehalte bürgerlicher Bildung gegen die autoritärtechnokratische Hochschulreform zu beleben versucht.

8. 7.
Etwa 150 Mitglieder des SDS und Argument-Clubs demonstrieren gegen einen Empfang, den der spanische Generalkonsul in Berlin zum 25. Jahrestag des faschistischen Putsches gegen die gewählte Regierung der Republik Spaniens gibt. Nach einem Gummiknüppeleinsatz der Polizei werden dreißig Demonstranten auf Einsatzwagen verladen und in eine entlegene Gegend im Grunewald gefahren.

13. 8.
Um den immer stärker anschwellenden Flüchtlingsstrom vom Ost- in den Westsektor Berlins abzustoppen, läßt die DDR-Regierung eine Mauer errichten, die West-Berlin fortan hermetisch abriegelt. Aus Anlaß eines bei der Flucht tödlich verunglückten DDR-Studenten formieren sich – am 20. 11. – etwa 40000 Jugendliche zu einem Schweigemarsch gegen die Errichtung der Mauer. 1000 werden beim Versuch, nach der Abschlußkundgebung die Mauer zu stürmen, von der West-Berliner Polizei daran gehindert. Nach dem Einsatz von Gummiknüppeln und Tränengas besetzen 300 Demonstranten den Hardenbergplatz, um mit einem Sitzstreik gegen das brutale Vorgehen der Polizei zu protestieren.

18. 9.
In London haben sich Tausende von Atomwaffengegnern unter der Leitung eines von dem Philosophen Bertrand Russell gegründeten Komitees zu einem Sitzstreik vor dem britischen Verteidigungsministerium niedergelassen. Die Polizei deportiert sie daraufhin in ein nahegelegenes Amtsgericht, wo sie in einem Massenprozeß abgeurteilt werden.

28. 10.
Als Dieter Kunzelmann, Mitglied der Münchener Künstlergruppe Spur, in einem Schwabinger Cafe eine Zeitung mit dem Text «Der Kardinal, der Film und die Orgie» verkauft, wird er von einer jungen Frau angezeigt. Daraufhin verurteilt ihn das Münchener Amtsgericht zusammen mit drei anderen Künstlern wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften, Religionsbeschimpfung und Gotteslästerung zunächst zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen, die dann in der Berufungsverhandlung auf fünf Wochen mit Bewährung herabgesetzt werden.

1962

14. 2.
Die Durchführung einer vom Konvent der FU beschlossenen Solidaritätssammlung für algerische Flüchtlinge wird vom Rektor untersagt, da die Studentenschaft kein politisches Mandat besitze. Eine Sammlung für «die Kommilitonen in der sowjetischen Besatzungszone» wird hingegen am 8. 6. erlaubt.

21.-23. 4.
Am Ostermarsch der Atomwaffengegner beteiligen sich mehr als 50000 am Protest gegen die geplante nukleare Bewaffnung der Bundeswehr. Mehrere FU-Professoren hatten unter anderem ihre Studenten in einem Flugblatt zu einer Beteiligung aufgefordert.

22.-26. 6.
Anläßlich der Musik zweier Schwabinger Gitarristen, nach der ein barfüßiges Paar twistet, kommt es, nachdem es schon zwei Wochen zuvor nach einem Jazzkonzert zu schweren Zwischenfällen gekommen war, erneut zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Münchener Polizei. Nach dem Versuch der «Ordnungskräfte», die Gitarrenspieler wegen ruhestörenden Lärms festzunehmen, entwickeln sich an mehreren Tagen stundenlange Straßenschlachten, in deren Verlauf die erbitterten Jugendlichen systematisch von der Polizei zusammengeschlagen werden. Von den rund 200 festgenommenen Studenten, Schülern und Jungarbeitern werden acht in Haft behalten.

6. 8.
Als kurz vor Beginn eines Kongresses des Internationalen Studentenbundes in Leningrad bekannt wird, daß die Sowjetunion eine Atombombe gezündet hat, entrollen Zengakuren-Delegierte während ihrer Zwischen Station in Moskau auf dem Roten Platz ein riesiges Transparent mit der Aufschrift: «Nieder mit der Atombombe!» Schon nach wenigen Augenblicken werden sie von sowjetischen Sicherheitsbeamten unter dem Vorwand verhaftet, sie seien «betrunken wie Polen». Als «Beweis» flößt die Moskauer Polizei gewaltsam Wodka ein und läßt auf dem Kongreß von Mitgliedern der sowjetischen Jugendorganisation Komsomol Fotos verteilen, auf denen die japanischen Studenten nackt und gefesselt in den Betten einer Trinkerheilanstalt liegen. «Die amerikanischen Atomversuche dienen dem Imperialismus, während die sowjetischen dem Frieden dienen», lautet das Motto der sowjetischen Delegierten.

2. 10.-1.11.
Die sogenannte «Kuba-Krise»: Nach dem Scheitern eines von den USA lancierten und Exilkubanern begonnenen Putschversuchs, der schon bei der Landung in der Schweinebucht – am 17. 4. 1961 – vereitelt werden konnte und den daraufhin als Schutzvorrichtung installierten sowjetischen Raketenbasen, gibt der amerikanische Präsident John F. Kennedy den Befehl zu einer Seeblockade Kubas durch die US-Marine. Nach mehreren Tagen kehren alle sowjetischen Schiffe um und die schon errichteten Basen werden nach Verhandlungen wieder abgebaut.

27.10.
Die sogenannte «Spiegel-Affäre»: Wegen des Verdachts, in einem Artikel über das NATO-Manöver «Fallex 2» Staatsgeheimnisse verraten zu haben, läßt die Bundesanwaltschaft in einer nächtlichen Aktion den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein verhaften. Als schließlich bekannt wird, daß ein Redakteur nur auf Betreiben des Bundesverteidigungsministers Strauß in Spanien verhaftet wurde, drohen die FDP-Minister mit Rücktritt aus der Bundesregierung, woraufhin es zu einer Kabinettsumbildung kommt, in der Strauß nicht mehr berücksichtigt wird. Nachdem es schon – am 31.10. – in Berlin zu einer Solidaritätsdemonstration mit dem Spiegel gekommen war, folgen ihr – am 12. 11. – weitere Manifestationen in nahezu allen bundesrepublikanischen Universitätsstädten. Obwohl gegen Augstein ein Hauptverfahren wegen Beweismangels niemals eingeleitet worden ist, wird er dennoch bis zum 7. 2.1963 in Haft behalten.

1963

13.-15. 2.
In einer Urabstimmung an der Berliner FU stimmt die überwältigende Mehrheit für die Abwahl eines korporierten AStA-Vorsitzenden, der Studenten den Plan des Innensenators Albertz schmackhaft machen wollte, in eine freiwillige Polizeireserve «zur Garantie des normalen Lebens in Krisenzeiten» einzutreten.

12. 4.
An elf Ostermärschen nehmen mehr als 30000 Demonstranten teil. 52 britische Atomwaffengegner, die in Düsseldorf auf Anweisung des Bundesinnenministeriums am Betreten deutschen Bodens gehindert werden, verbarrikadieren sich in ihrem Flugzeug.

13. 10.
Aus dem Londoner Paladium überträgt die englische Fernsehanstalt BBC eine Musikshow, die über Nacht eine Liverpooler Band mit dem Namen The Beatles auf der ganzen Insel bekannt macht. Ein Jahr später, nachdem die langhaarige Gruppe zum weltweiten Symbol des Jugendprotests gegen Elternhaus, Schule und Gesellschaft geworden ist, wird das Konzert unter dem Titel «A hard days night» verfilmt.

22. 11.
Nach der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in der texanischen Stadt Dallas ziehen 20000 Stu-dertten und Schüler zum Schöneberger Rathaus, wo ein AStA-Mitglied der FU und der Regierende Berliner Bürgermeister Willy Brandt eine Trauerrede halten.

1. 12.
Nach einem von den USA lancierten Militärputsch, in dessen Verlauf Diktator Diem – am 2. n. – ermordet wurde, erhöht das Pentagon die Zahl der «militärischen Berater» in Vietnam auf 16000. Amerikanische Piloten beginnen damit, sogenannte «Vietcongdörfer» zu bombardieren.

20.12. In Frankfurt wird die Hauptverhandlung gegen 21 ehemalige Angehörige des SS-Bewachungspersonals im Konzentrationslager Auschwitz eröffnet.

1964

28. 4.-7. 5.
Während eines Bundesseminars zur «Koexistenz zwischen beiden deutschen Staaten» in Berlin nehmen SDS-Vertreter Verbindung mit dem Zentralrat der FDJ auf. Beim nachfolgenden Deutschlandtreffen der DDR-Jugendorganisation -vom 16. bis 18. 5. – nimmt als einziger offizieller westdeutscher Referent der 2. Bundesvorsitzende des SDS teil, der nachdrücklich die Freilassung des vom Staatssicherheitsdienst der DDR – am 16. 6.1961 – aus West-Berlin entführten IG Metall-Redakteurs Heinz Brandt fordert. Am 22. 5. wird der ursprünglich zu dreizehn Jahren Zuchthaus Verurteilte vorzeitig entlassen. Auf einer Landesvollversammlung beschließt der SDS – am 28.7. in Frankfurt, die Oder-Neiße-Grenze und die Existenz zweier deutscher Staaten anzuerkennen.

5. 5.
Die in der Stuttgarter Liederhalle stattfindende Jahrestagung des Bundes deutscher Werbeleiter wird von den beiden Mitgliedern der Gruppe Subversive Aktion, Dieter Kunzelmann und Frank Böckelmann, durch das lautstarke Abspielen der Matthäus-Passion und des Schlagers «Surfing Bird» unterbrochen. Als gleichzeitig Flugblätter mit einem «Aufruf an die Seelenmassage» von der Empore geworfen werden, verhaftet man sie. Vor Gericht werden sie später mit der Begründung freigesprochen, daß Werbeleiter «ja auch ihrerseits die Opfer ihrer Werbung nicht mit Samthandschuhen anfassen».

1. 6.
Die US-Luftwaffe geht in Vietnam zu systematischen Flächenbombardements über und verwüstet über dreißig Kilometer lange Landstreifen. Ein offizielles Friedensangebot der Nationalen Befreiungsfront Südvietnams vom Jahresbeginn, «das weiteres Leid und weitere Verluste vermeidet und gleichzeitig die Ehre der Vereinigten Staaten von Amerika wahrt», war von der US-Regierung nicht beachtet worden.

11. 6.
Bei einer Demonstration gegen die Wiederkandidatur des KZ-Baumeisters Lübke zum Amt des Bundespräsidenten werden in Berlin sechs Studenten verhaftet. Nachdem der FU-Konvent das Verhalten der Polizei gerügt hat, beteiligen sich annähernd 2000 Studenten – am 29. 6. – an einer weiteren Demonstration gegen die Wiederwahl Lübkes.

24. 7.
Anläßlich der Premiere des Beatles-Films «A hard days night» geraten auf dem Londoner Picadilly-Circus 12000 Teenager in Ekstase. Als die Beatles kurze Zeit später nach Liverpool zurückkehren, kommt es dort zum größten Menschenauflauf nach dem Zweiten Weltkrieg.

2. 8.
Im Golf von Tonking ist der US-Zerstörer «Maddox» – amerikanischen Berichten zufolge – in internationalen Gewässern von nordvietnamesischen Torpedobooten angegriffen worden. Daraufhin ordnet der Kennedy-Nachfolger Lyndon B. Johnson als amerikanischer Präsident Luftangriffe auf das Gebiet Nordvietnams an, die als «Vergeltungsschläge» durch den Kongreß genehmigt und praktisch mit der Operation «Rollender Donner» – im Feburar 1965 – umgesetzt werden. Die begründeten Zweifel an der amerikanischen Darstellung der «Tonking-Affäre» können erst 1971 mit der Veröffentlichung der «Pentagon-Papiere» erhärtet werden. Aus ihnen geht unmißverständlich das Kalkül hervor, daß nur eine «Strategie der Provokation» die USA vor einem Zusammenbruch ihrer militärischen Positionen bewahre, die eine «sorgfältig abgestimmte und geplante Bombardierung Nordvietnams» zur Folge habe.

14. 9.-8.12.
Als der radikale Negerführer MalcolmX auf dem Campus der kalifornischen Universitätsstadt Berkeley Redeverbot erhält und sämtlichen Studentengruppen ein Versammlungsverbot erteilt wird, organisieren sich die betroffenen Studenten zu einer «Free Speech Movement». Als – am 2.10. – ein Student aus Protest das Verbot übertritt, wird er von der Campus-Polizei verhaftet. Beim Versuch ihn abzutransportieren wird jedoch der Einsatzwagen von 3000 Studenten eingekesselt und – das Dach als Rednertribüne benutzend – über 36 Stunden auf dem Campus festgehalten. Als dann – am 2.12. – ein Disziplinarverfahren gegen vier Studenten eröffnet werden soll, besetzen 6000 Studenten unter Anführung des Philosophiestudenten Mario Savio und der Folksängerin Joan Baez das Verwaltungsgebäude der Universität und funktionieren es in eine «Free University of California» um. Als daraufhin die Staatspolizei das Gebäude in einer nächtlichen Aktion räumt und annähernd tausend Besetzer verhaftet, wird am Morgen des 3. 12. auf dem Campus der Generalstreik ausgerufen, der – am 8. 12. – schließlich mit der Erfüllung aller studentischen Forderungen und einer Generalamnestie aller Beschuldigten endet.

9. 9.
Anläßlich des in Stuttgart stattfindenden 80. Deutschen Katholikentages kleben mehrere Mitglieder der Subversiven Aktion das Plakat «Botschaft an die Lämmer des Herrn» an die Türen aller katholischen Kirchen. Wegen des «Verdachts der Gotteslästerung» werden vier von ihnen festgenommen.

27. 11.
Die beiden polnischen Studenten J. Kuron und K. Modzelewski werden aus der Partei und dem nationalen Jugendverband ausgeschlossen, weil sie in einem 90 Seiten umfassenden «Offenen Brief an die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei» das eigene System als einen undemokratischen, bürokratisierten «Monopolsozialismus» darstellen. Nach ihrer Verhaftung – am 19. 3. 1965 – werden sie trotz zahlreicher Proteste – am 19. ~j. – zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

7. 12.
Im Liverpooler Cavern-Club, von dem die Beatwelle ihren Ausgang nahm, findet unter dem Titel «Bomb» ein von Pop-Artisten und Beatgruppen aufgeführtes Happening statt, das sich gegen die Atombewaffnung wendet.

18.12.
Nachdem der kongolesische Ministerpräsident Tschombe schon beim Antritt seines Deutschland-Besuches in München während einer Audienz bei Erzbischof Kardinal Döpfner von Studenten mit Rauch- und Stinkbomben beworfen worden war, führt der SDS zusammen mit anderen Studentengruppen bei Tschombes Zwischenstation in Berlin eine Protestdemonstration gegen den «Lumumba-Mörder» durch. Dabei gelingt es den Demonstranten, die Polizeikette am Flughafen zu durchbrechen und innerhalb der Bannmeile des Schöneberger Rathauses Tschombe bei seiner Abfahrt mit Tomaten zu bewerfen.

1965

7. 2.
Wegen eines Vietcong-Angriffs auf Pleiku fordert US-Präsident Johnson «Vergeltung» und läßt Nordvietnam bombardieren. Daraufhin protestieren – am 9. 2. – Tausende von Studenten der Moskauer Lumumba-Universität gegen die Luftangriffe und demolieren mit Tintenfässern und Steinen die Hausfront der amerikanischen Botschaft. Am 1.3. dringen Hunderte indonesischer Studenten in Djakarta in die Wohnung des amerikanischen Botschafters ein und bekleben die Wände mit Plakaten gegen die US-Intervention. Am 4.3. schließlich greifen 2000 Studenten der Lumumba-Universität nochmals das amerikanische Botschaftsgebäude an. Dabei durchbrechen sie mehrmals die Absperrungen der sowjetischen Volksmiliz. Mehrere Polizisten und Demonstranten werden dabei verletzt, sieben Studenten verhaftet.

28. 2.
Während Unterwanderungsabsichten der Subversiven Aktion im Münchener SDS scheitern, glückt das Vorhaben in der Berliner Gruppe: Rudi Dutschke wird in den politischen Beirat des SDS gewählt und begründet zusammen mit Bernd Rabehl eine antiautoritäre Keimzelle der Studentenbewegung.

6. 3.
Anläßlich der Ausstellung «Südafrika gestern und heute» führt der Berliner SDS u. a. eine Demonstration gegen die Rassenpolitik der Südafrikanischen Republik durch. Bei einem anschließenden Go-in während einer Folkloreveranstaltung werden zwei Flugblattverteiler vorübergehend festgenommen.

24. 3.
Zur Vorbereitung des ersten Marsches auf Washington nehmen an der Universität von Michigan 3000 Studenten und Professoren an einer Veranstaltung gegen den Vietnamkrieg teil, die erstmals als Teach-in bezeichnet wird. Die Diskussion über die einzelnen Informationsbeiträge dauert bei Kaffee und Kuchen bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages.

17.4.
Beim ersten «Marsch auf Washington» protestieren 25000 Demonstranten gegen die Vietnam-Politik der Johnson-Regierung.

1. 5.
Während der Maikundgebung am Berliner Reichstag, zu der über 300000 Zuhörer erschienen sind, greifen DGB-Ordner SDS-Mitglieder an und zerstören ihre Transparente, auf denen die Verhinderung der Notstandsgesetze gefordert wird.

7.5.
Eine für das Auditorium maximum geplante Podiumsdiskussion mit dem Titel «Restauration oder Neubeginn – die Bundesrepublik 20 Jahre danach» muß in ein Studentenhaus verlegt werden, weil gegen den als Redner auftretenden Journalisten Erich Kuby ein vom Rektor verhängtes Hausverbot nicht aufgehoben wird. Kuby hatte in einer Rede auf die antithetische Bindung des Namens Freie Universität an die Humboldt-Universität in Ost-Berlin aufmerksam gemacht und war deshalb schon 1960 mit dieser Sanktion belegt worden. Als Folge dieses universitären Redeverbots wird – vom 10. bis 15. 5. – eine «Picketing line» mit Protestplakaten um das FU-Gebäude gebildet und am 18. 5. im Otto-Suhr-Institut der Politologen ein befristeter Streik durchgeführt, mit dem für einen Tag alle Vorlesungen und Seminare boykottiert werden.

30.5.
In Bonn veranstaltet der SDS zusammen mit anderen Hochschulgruppen den Kongreß «Demokratie vordem Notstand». Unter den 2000 Teilnehmern befinden sich auch Gewerkschafter und Professoren als Referenten. In Frankfurt erscheint die erste Nummer der einflußreichsten und auflagenstärksten Intellektuellenzeitschrift, das von H. M. Enzensberger und K. M. Michel herausgegebene Kursbuch.

12.6.
Mit der Entgegennahme des «Britischen Empire-Ordens» aus der Hand der englischen Königin demonstrieren die Beatles in London ihre gesellschaftliche Integration. Pete Townshend, der Gitarrist der englischen Rockgruppe «The Who», die ihre aggressiven Bühnenauftritte mit einem qualmenden Trümmerhaufen aus Verstärkern, Schlagzeug und Gitarren beendet, erklärt in der Fachzeitschrift «Melody Maker» auf ihr Stück «My Generation» hin, daß der Konflikt zwischen den Generationen «der Beginn einer großen gesellschaftlichen Revolution» sei.

1.7.
In Berlin führt der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) einen Protestmarsch gegen den Bildungsnotstand durch, an dem sich über 10000 Studenten beteiligen. Auf einer Vollversammlung mit mehr als tausend FU-Stu-denten wird der Rücktritt des amtierenden Rektors gefordert, weil er den Assistenten Erich Krippendorf wegen kritischer Äußerungen entlassen hatte.

15.9.
Der Schauspieler Dick Gregory wird zusammen mit anderen Mitgliedern des Berkeley Vietnam-Day-Committee beim Versuch verhaftet, einen Truppenzug für den Vietnam-Krieg durch einen Sitzstreik zum Stoppen zu bringen.

15.9.
Nach einem Konzert der englischen Rockgruppe «The Rolling Stones» auf der Berliner Waldbühne – I can’t get no satisfaction – kommt es zu mehrstündigen Straßenschlachten mit der Polizei, in deren Verlauf 85 Jugendliche festgenommen und 87 verletzt werden. Der Sachschaden – 17 S-Bahn-Züge sind demoliert, zum Teil umgestürzt – beträgt fast eine halbe Million DM.

16. 9.
Bei der Bundestagswahl-Abschlußkundgebung der CDU auf dem Frankfurter Römerberg kommt es während der Rede von Bundeskanzler Erhard, in der dem SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt die «moralische Qualifikation» abgesprochen wird, zu Tumulten. Mehreren hundert Studenten, die lauthals protestieren, werden Transparente mit der Aufschrift «Formierte Gesellschaft + Notstandsgesetze = CDU-Ständestaat» von Ordnern entrissen; drei Studenten werden schließlich von der Polizei verhaftet.

23. 6.
Die Berliner Schutzpolizei verhaftet fünf Gammler, weil sie mit Kreide an die Gedächtniskirche den Slogan «Jesus war der erste Gammler» geschrieben haben. 150 meist jugendliche Passanten fordern anschließend beim betreffenden Polizeirevier die Freilassung der Verhafteten.

15.10. Als der amerikanische Außenminister Dean Rusk während eines offiziellen Staatsbesuchs in Uruguay einen Kranz niederlegen will, drängt sich der Student Rolan Rojas durch die Reihen der Ehrengarde und spuckt ihm ins Gesicht, wobei er ruft: «Im Namen des Volkes!» Daraufhin wird Rojas so brutal von der Sicherheitspolizei zusammengeschlagen, daß er eine unheilbare Gehirnverletzung davonträgt.

15.-16. 10.
In über dreißig amerikanischen Universitäten und Colleges beteiligen sich über 100000 Studenten am Vietnam Day. In Berkeley gehen dabei 1000 Polizisten und 700 Nationalgardisten mit aufgepflanzten Bajonetten gegen 10000 Studenten vor, die am Militärstützpunkt Oakland die weitere Verschickung von amerikanischen Truppen nach Südvietnam zu verhindern versuchen.

27.11.
Am zweiten «Marsch auf Washington» nehmen über 40000 Gegner des Vietnam-Krieges aus allen Teilen der Vereinigten Staaten teil.

13.-17.12.
Der Berliner SDS veranstaltet eine Vietnam-Ausstellung, in deren Anschluß eine Geldsammlung für das Rote Kreuz in Nordvietnam und das des Vietcong gesammelt wird.

16.12.
Der Versuch von Berkeley-Studenten, Rocker in politische Auseinandersetzungen miteinzubeziehen, scheitert: Als 10000 Studenten zusammen mit den Hell’s Angels eine Demonstration gegen den Vietnam-Krieg durchführen wollen, stürzen sich die Rocker mit Rufen wie «Verräter, Kommunisten, Beatniks!» auf die Redner und versuchen die Lautsprecheranlage zu zertrümmern, bis sie schließlich von der Polizei überwältigt werden. Der von Allen Ginsberg daraufhin ver faßte 210zeilige Gedichtappell «An die Engel» erntet nur Hohn und Spott.

1966

5.2.
Nach der Plakataktion «Amis raus aus Vietnam» in der Nacht vom 3. auf den 4. 2., bei der vier SDS-Mitglieder verhaftet wurden, führen 2500 Studenten eine Vietnam-Demonstration durch, in deren Verlauf mit einem Sitzstreik vorübergehend der Verkehr lahmgelegt wird. Nach der Abschlußkundgebung ziehen dann 500 Demonstranten zum Amerikahaus weiter, bewerfen die Fassade mit Eiern und setzen das Sternenbanner auf halbmast. Daraufhin beschließt – am 16. 2. -der Senat der FU, den Studenten keine Räume mehr für politische Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen.

10.3.
Bei der Hochzeit der niederländischen Kronprinzessin Beatrix mit dem deutschen Legationsrat von Amsberg in Amsterdam bewerfen Provos die Staatskarosse mit Rauchbomben.

26.3.
100000 Demonstranten marschieren am «Internationalen Tag des Protests» gegen den Vietnam-Krieg in New York durch die Fifth Avenue zu einer Abschlußkundgebung im Central Park. Zur gleichen Zeit finden in zahlreichen anderen nordamerikanischen und kanadischen Städten weitere Demonstrationen statt. Auch in Rom kommt es zu einer Manifestation von über 20000.

1.4.
Trotz zahlreicher Proteste aus beiden Teilen Deutschlands wird der Direktor des Physikalisch-Chemischen Instituts der Ost-Berliner Humboldt-Universität, Professor Robert Have-mann, wegen «prinzipieller Anarchie» und «DDR schädigenden Verhaltens» aus der Deutschen Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen.

28.4.
Nachdem die spanische Regierung die Universitäten in Barcelona geschlossen hat, treten 15 ooo Studenten mit der Unterstützung von über 200 Professoren in einen politischen Streik.

22.5.
An der Frankfurter Universität veranstaltet der SDS den Kongreß «Vietnam – Analyse eines Exempels», an dem über 2000 Studenten, Professoren und Gewerkschafter teilnehmen.

25.5.
Im Speisesaal der Pekinger Universität wird von einer siebenköpfigen Gruppe von Studenten und Professoren gegen ein bestehendes Verbot des Rektors eine rote Wandzeitung angebracht, die von Mao Tse-tung-am 1.6. – offiziell unterstützt und – am 6. 6. – in der Zeitung der chinesischen Volksbefreiungsarmee als Ende des Revisionismus und Beginn der «Großen proletarischen Kulturrevolution» gefeiert wird. Am 16. 7. durchschwimmt dann Mao Tse-tung inmitten von Rotgardisten, «wie ein Fisch im Wasser», innerhalb von 65 Minuten den Yangtsekiang.

1. 6.
Bei den Gemeinderatswahlen von Amsterdam entfallen auf den Provo-Kandidaten de Vries 13000 Stimmen, mit denen er einen Sitz im Stadtparlament erhält.

3. 6.
Als James Meredith, der erste Neger-Absolvent der staatlichen Universität von Mississippi, bei seinem Allein-«Marsch gegen die Furcht» angeschossen wird, setzen Organisationen der Bürgerrechtsbewegung seinen Marsch fort. Dabei werden durch Stockely Carmichael erstmals Forderungen nach Black Power laut.

14.-15. 6.
In Amsterdam schlagen gewerkschaftsinterne Auseinandersetzungen von Bauarbeitern durch das Eingreifen von Reichspolizisten in schwere Straßenschlachten zwischen Bauarbeitern, Studenten und Provos einerseits und Polizeikräften andererseits um, in deren Verlauf ein Arbeiter tödlich verletzt wird.

19.6.
Nachdem schon am Vortag 17000 Gewerkschafter gegen den in Karlsruhe stattfindenden 2. Bundesparteitag der NPD protestiert hatten, formieren sich 2000 Schüler und Studenten zu einem Sitzstreik «gegen Neofaschismus und Neonazis».

22.-23. 6.
Über 3000 Studenten protestieren an der FU mit einem zehnstündigen Sit-in gegen das Raumverbot für politische Veranstaltungen und diskutieren in einem improvisierten Teach-in mit mehreren Professoren über eine demokratische Hochschulreform, an dessen Ende eine Resolution verabschiedet wird, in der zum erstenmal der gesellschaftliche Bezug der Universität zu definieren versucht wird. Kurz darauf hebt der Akademische Senat seinen Beschluß über das Raumverbot – vom 16. 2. – wieder auf.

6. 7.
Rund 15000 Studenten demonstrieren in München gegen die Regierungsvorlage für ein Bayrisches Hochschulgesetz, in dem die «Freiheit von Forschung und Lehre in unerträglichem Maße beeinträchtigt» wird.

8. 7.
Bei einer Vietnam-Demonstration von 2000 FU-Studenten vor dem Henry-Ford-Bau in Berlin kommt es zu Schlägereien mit Mitgliedern des CDU-nahen RCDS.

Sommer ’66
Zehntausende beginnen in San Franciscos Haight-Ashbury und- New Yorks East-Village das literarische Erbe der Beatnik-Generation von Allen Ginsberg und Jack Kerouac praktisch anzutreten, indem sie eine eigene Subkultur entwickeln. Diese Protestbewegung gegen den American Way of Life greift mit ihren be-ins und love-ins innerhalb kurzer Zeit auf die meisten amerikanischen Großstädte über. Der demokratische Senator Ribicoff fordert die Schaffung einer eigenen Bundesfahndungsbehörde für Hippies, da die Statistiken einen neuen Rekord an entlaufenen Jugendlichen verzeichnen.

2. 8.
Während einer Protestaktion gegen den rassistischen Film Africa Addio, in deren Verlauf der Abbruch der Vorführung im Berliner Astor-Kino erzwungen wird, nimmt die Polizei acht FU-Studenten fest. Eine vom SDS daraufhin für den 4. 8. angemeldete Demonstration wird verboten. Als sich dennoch 1000 Studenten vor dem Kino versammeln, versucht die Polizei sie abzudrängen und verhaftet dabei 43 afrikanische und deutsche Studenten. Einen Tag später setzt der Filmverleih Africa Addio schließlich vom Programm ab.

18. 8.
Nachdem das ZK der KP Chinas – am 12. 8. – beschlossen hatte, daß «man, wenn man gegen den Imperialismus kämpfen will, auch gegen den modernen Revisionismus kämpfen muß», ziehen eine Million Rotgardisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking an Mao Tse-tung und Lin Piao vorüber. Auf demselben Platz versammeln sich zum 17. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China anderthalb Millionen Menschen – am 1.10. – und feiern die «Große proletarische Kulturrevolution».

1.9.
Frank Zappa und seine Mothers of Invention prägen mit ihrer LP Freak Out zugleich den Slangausdruck für den jugendlichen Ausbrecher aus der Gesellschaft: freak. Als er in den Bürgern des American Way of Life auch noch plastic people erkennt und weitere «Geschmacklosigkeiten» verkündet, wird er von den US-Sendern systematisch boykottiert. Das wertet andererseits sein Image als Underground-Sänger und Antistar so beträchtlich auf, daß er sich desto besser vermarkten läßt: Auf seinem millionenfach verbreiteten Klosettposter und LPs, von denen eine aus dem Jahre 1968 die selbstironische Wahrheit auf dem Cover trägt: «We’re only in it for the money.»

1.10.
In Frankfurt erscheint in der edition suhrkamp der 1965 in den USA herausgegebene Essay Herbert Marcuses Repressive Toleranz zum erstenmal in deutscher Sprache. Die darin enthaltene Sentenz, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein «Naturrecht auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben», beeinflußt das Selbstverständnis des SDS nachdrücklich.

6. 10.
In der kalifornischen Stadt Oakland gründen Huey Newton und Bobby Seale die Black Panther Party. Diese militante Organisation der Farbigen betrachtet die Großstadtgettos als innere Kolonien der USA und will deren Einwohner mit Waffengewalt gegen Übergriffe schützen, um dadurch das Selbstbewußtsein der Farbigen zu wecken.

7. 10.
Unerkannt kauft ein kahlgeschorener und bebrillter Herr auf seiner Durchreise in der Frankfurter Kaiserstraße ein Tagebuch. Nach einer Zwischenlandung in Sao Paulo landet er – am 3.11. – in der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Im Dschungel stößt er zu einer Partisanengruppe und kommentiert die folgenden Kämpfe als Che Guevara im Bolivianischen Tagebuch.

21.10.
Der polnische Philosophieprofessor Leszek Kolakowski übt in Warschau scharfe Kritik an der Bürokratie des Jugendverbandes und fordert die Freilassung von Kuron und Modzelewski. Daraufhin wird er trotz zahlreicher Proteste von Kollegen, Studenten und Schriftstellern aus der Partei ausgeschlossen.

26. 10.
Situationistische Studenten lösen den «Skandal von Straßburg» aus, als sie die akademische Eröffnungsfeier mit einer Schrift «Über die Misere der Studenten» entweihen, in der sie das Pseudorevolutionäre Treiben der Studentengewerkschaft UNEF als bürokratisch und sektiererisch bloßstellen. Zuvor hatten sie schon das UNEF-Büro vollständig mit schwarzer Farbe überzogen und die ganze Stadt mit marxistischen Comicstrips überschwemmt.

30.10.
In Frankfurt findet der Kongreß «Notstand der Demokratie» statt, an dem über 5000 Studenten, Gewerkschafter, SPD-Mitglieder und Professoren teilnehmen. Nach zahlreichen Diskussionen in sechs großen Foren sagt der Tübinger Philosoph Ernst Bloch auf der Abschlußkundgebung: «Wir kommen zusammen, um den Anfängen zu wehren.»

1.11.
Der ungarische Philosophiestudent Miklos Haraszti wird wegen «maoistischer Umtriebe» für ein Jahr von der Budapester Universität relegiert: Er hat in einem Vietnam-Solidaritätskomitee neben Demonstrationen vor der amerikanischen Botschaft auch kollektive Arbeitstage, sogenannte Vietnam-Subotniks organisiert, deren Erlöse nach Hanoi geschickt wurden.

18.11.
Über 5000 Studenten und Schüler demonstrieren in München gegen eine Wahlversammlung der NPD. Gegen die gleiche Partei demonstrieren – am 25.11. – in Köln 3000 Gewerkschafter, Studenten und Schüler mit Transparenten wie «Tausend Jahre waren genug».

21.11.
Im Zentrum von Stockholm inszenieren Provos eine Schlacht zwischen «Kommunisten» und «Kapitalisten», die jeweils an ihren roten und blauen Armbinden zu unterscheiden sind. Als sich am Ende des Kampfes beide Gruppen mit je einer großen Bombe «umgebracht» haben, stimmen die Umstehenden ein Lied von Bob Dylan an und legen einen Kranz «für die Opfer des Atomkrieges» nieder. Die dadurch unter Passanten provozierte Diskussion wird erst unterbrochen, als Polizisten die Provos abführen.

26.11.
In Berlin sprengt ein «Provisorisches Komitee zur Vorbereitung einer studentischen Selbstorganisation» mit Mao-Abzeichen am Revers eine Diskussion zwischen FU-Studenten und ihrem Rektor. Sie verlesen ein Flugblatt, in dem die Dozenten als «professorale Fachidioten» und AStA-Vertreter der «Kollaboration mit den Autoritäten» bezichtigt werden.

1.12.
Als es nach dem Rücktritt Bundeskanzler Erhards in Bonn zur Bildung einer «Großen Koalition» zwischen CDU und SPD kommt, demonstrieren in mehreren Großstädten SPD-Mitglieder, Gewerkschafter und Studenten gegen die Beteiligung der SPD an der Koalition.

3.-10.12.
Im Verlauf einer von mehreren Hochschulgruppen durchgeführten Vietnam-Woche in Berlin kommt es- am 6.12. – bei einer Parallelveranstaltung des RCDS mit dem südvietnamesischen Botschafter zu Tumulten, in deren Verlauf der Botschafter schließlich den Saal fluchtartig verlassen muß. Auf der Abschlußkundgebung der Vietnam-Woche – am 10.12. – fordert das SDS-Mitglied Rudi Dutschke die 2000 Demonstranten zur Bildung einer «Außerparlamentarischen Opposition» auf. Als Kommunarden im Anschluß daran ein weihnachtspolitisches Happening veranstalten, auf dem unter den Klängen deutscher Weihnachtslieder die Pappmache-Köpfe von Lyndon B. Johnson und Walter Ulbricht verbrannt werden, greift die Polizei ein und verhaftet mehrere Demonstranten.

18.12.
Gegen die Taktik des Innensenators Heinrich Albertz, Demonstrationen in menschenleere Stadtteile zu verlegen, führen mehrere hundert Studenten eine «Spaziergänger-Demonstration» auf den Bürgersteigen des Berliner Kurfürstendamms durch. Daraufhin verhaftet die Polizei insgesamt 90 von den Passanten, unter denen sich auch Hausfrauen, Journalisten und Rudi Dutschke, mit einem Weihnachtspaket unter dem Arm, befinden.

22.12.
In der CSSR wird der Student Jiri Müller aus dem staatlichen Jugendverband und vom Studium ausgeschlossen, weil er zusammen mit anderen Kommilitonen versucht hat, die bürokratische und zentristische Organisationsstruktur des Verbandes umzuändern.

1967

1.1.
Jane Adams, Mitglied des amerikanischen SDS, prägt in einem Aufsatz der Zeitschrift New Left Notes mit dem Titel Für die Gleichberechtigung der Frau das Schlagwort vom male chauvinism, dem männlich-sexistischen Chauvinismus.

1.1.
Nach einer längeren Vorbereitungsphase, der nach dem Anarchistenfilm von Louis Malle benannten «Viva Marias-Phase, gründen Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Rainer Langhans u. a. die Kommune I in Berlin-Charlottenburg. Schon am 3. 5. werden sie wegen «falscher Unmittelbarkeit», «Überschätzung» und «Realitätsflucht» aus dem Berliner SDS ausgeschlossen. Anlaß war unter anderen! die Aussage Kunzelmanns: «Was geht mich denn Vietnam an – ich habe Orgasmusschwierigkeiten.»

13. l.
In Barcelona rufen Studentenvertreter den «Jahrestag des Protests gegen politische Unterdrückung» aus. 1000 Studenten stürmen nach dem Teach-in das Gebäude der korrupten, offiziellen Studentengewerkschaft, zertrümmern die Büroräume und werfen das Mobiliar zum Fenster hinaus.

14. l.
Im Golden Gate Park von San Francisco veranstalten mehrere Rockgruppen der Westküste das erste «Free Concert», bei dem kein Eintrittsgeld mehr verlangt wird.

26. l.
Vier Demonstranten werden auf dem Berliner Kurfürstendamm verhaftet, als sie gegen eine Kranzniederlegung Bundeskanzler Kiesingers in der nationalsozialistischen Hinrichtungsstätte Plötzensee demonstrieren. Kiesinger war im Dritten Reich Mitarbeiter von Goebbels im Propagandaministerium.

26. l.
Bei einer Hausdurchsuchung des Berliner SDS-Büros beschlagnahmt die Politische Polizei die Mitgliederkartei des SDS. Daraufhin finden – am 28. l. – vor- und nachmittags jeweils zwei Demonstrationen mit 1200 und 2000 Teilnehmern gegen das Vorgehen der Polizei statt. Der Schriftsteller Günter Grass trägt dabei ein Plakat mit der Aufschrift «Tausche Grundgesetz gegen Bibel».

27.1.-3. 2.
Illegale spanische Studentenorganisationen führen einen Demonstrationszug durch, in dessen Verlauf 700 Madrider Studenten vom Campus geprügelt werden. Als daraufhin sich am Abend 100000 Arbeiter mit den Studenten solidarisieren, werden 200 Demonstranten bei den anschließenden Kämpfen mit der Polizei verhaftet. Auch im übrigen Spanien bricht eine Verhaftungswelle aus, bei der über 500 weitere politische Aktivisten inhaftiert werden. Die Studenten reagieren mit Vorlesungsstreiks, Demonstrationen und illegalen Versammlungen an nahezu allen spanischen Universitäten. In Valencia legen aus Solidarität 60000 Industriearbeiter und 2300 Eisenbahner ihre Arbeit nieder.

l. 2.-11. 2.
In Italien wird an allen Universitäten ein Generalstreik zur Durchführung einer umfassenden Studienreform durchgeführt. Die 10000 Dozenten streiken – bis zum 4. 2. -, die 400000 Studenten jedoch bleiben mit ihren Assistenten zusammen – bis zum 11. 2. – dem Vorlesungsbetrieb fern.

11. 2.
In Frankfurt demonstrieren 800 Studenten gegen den Vietnam-Krieg. Als berittene Polizei gegen einen Sitzstreik vor dem amerikanischen Generalkonsulat eingesetzt wird, ziehen die Demonstranten ins Stadtzentrum und blockieren den Verkehr.

22. 2.
Münchener Studenten demonstrieren gegen die Erhöhung der Straßenbahntarife.

26. 3.
Beim erstmals in Berlin veranstalteten Ostermarsch der Kampagne für Abrüstung ziehen 3000 Demonstranten durch die Stadt. Als 150 von ihnen nach der Schlußkundgebung mit einer Vietcong-Fahne zum Amerikahaus ziehen und die Fassade mit roten Farbbeuteln bewerfen, werden drei Studenten festgenommen.

5. 4.
Berliner Polizei verhaftet elf Kommunarden, um ein «Puddingattentat» auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey zu verhindern. Bei dessen Empfang- am 6.4. – in Schloß Charlottenburg demonstrieren daraufhin 2000 Studenten gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner. Bei seiner Weiterfahrt zum Springer-Hochhaus werden die Cadillacs des Fahrzeugkonvois mit Steinen und Flaschen bewor-fen; 24 Studenten werden dabei verhaftet.

12. 4.
Der amtierende Boxweltmeister im Schwergewicht, Muhammad Ali, weigert sich aus religiösen und politischen Gründen, seiner Einberufung zum Militär Folge zu leisten. Die Boxkommission erkennt ihm daraufhin den Titel ab und entzieht ihm die Boxlizenz; später verurteilt ihn ein nur aus Weißen bestehendes Gericht zur Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis, die er allerdings nicht antreten muß.

19. 4.
Gegen die Einleitung von Sanktionsmaßnahmen durch den Senat der FU protestieren 2000 Studenten mit einem nächtlichen Sit-in. Um Mitternacht läßt der Rektor die passiv Sitzenbleibenden durch Polizei hinaustragen. Als daraufhin den beiden AStA-Vorsitzenden wegen ihrer Teilnahme das Dienstverhältnis fristlos gekündigt wird, beschließt der Konvent eine Urabstimmung, in der – am 9. 5. – den beiden Studentenschaftsvertretern mit knapper Mehrheit das Vertrauen ausgesprochen wird.

21.4.
In Griechenland findet unter Anführung des Obersten Papadopoulos ein Militärputsch statt, der binnen kurzer Zeit die Form einer faschistischen Diktatur annimmt: Die parlamentarischen Institutionen werden außer Kraft gesetzt, die Massenmedien unter Kontrolle genommen und mehrere Tausend politischer Gefangener auf Inseln in Konzentrationslagern festgehalten.

30. 4.
In Berlin findet die Gründungsversammlung des «Republikanischen Clubs» statt.

18.5.
Der Ministerrat der DDR lehnt eine Ausreisegenehmigung des Ost-Berliner Liedermachers Wolf Biermann, der von den «Falken» zu einer Vietnam-Demonstration eingeladen worden war, ab.

22. 5.
Um gegen die bevorstehende Kürzung der Universitätsmittel zu protestieren, treten die Studenten der Marburger Universität in einen zweitägigen Generalstreik.

24.5.
Nach einer Brandkatastrophe in einem Brüsseler Kaufhaus, bei der 300 Menschen ums Leben kommen, verteilen Kommunarden an der Berliner FU ein Flugblatt mit der Aufschrift: «Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?»

2. 6.
Nachdem schon-am 30.5.-in Münschen 1500 deutsche und persische Studenten gegen den Besuch des Schahs demonstriert und – am i. 6. – Bahman Nirumand auf einem Teach-in im Audimax der FU vor über 3000 Studenten das diktatorische Schah-Regime in seinem Heimatland Persien analysiert hatte, demonstrieren 2000 Studenten und Schüler vor dem Schöneberger Rathaus. Als beim Eintreffen des Schahs Rauchkerzen und Eier fliegen, prügeln schahfreundliche «Jubelperser» mit Stahlrohren auf die Demonstranten ein. Bei einer zweiten Manifestation am Abend vor der Deutschen Oper kommt es zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mit zivilen Greiftrupps flüchtende Studenten einzufangen versucht. Dabei wird der 26jährige Student Benno Ohnesorg auf einem Parkhof von dem Kriminalobermeister Kurras von hinten erschossen. Obwohl die Polizei den «Todesfall» zunächst zu vertuschen versucht und ein generelles Demonstrationsverbot – auch auf dem Campus – vom Senat erlassen wird, treffen sich einen Tag später 6000 Studenten auf dem Gelände der FU und diskutieren über den Mord und den «nicht erklärten Notstand» in Berlin. Der Tod Benno Ohnesorgs hat inzwischen eine Welle der Empörung an allen bundesdeutschen Universitäten ausgelöst; fast überall werden Solidaritäts-Resolutionen verfaßt und Trauerkundgebungen veranstaltet. Am 8. 6. wird der Sarg nach einer Trauerrede des Theologieprofessors Helmut Gollwitzer vor 15000 Menschen in einem Fahrzeugkonvoi von Berlin nach Hannover überführt. Dort findet einen Tag später nach der Beerdigung Benno Ohnesorgs unter Beteiligung von 5000 Studenten und Dozenten aus allen Teilen der Bundesrepublik der Kongreß «Hochschule und Demokratie – Bedingungen und Organisation des Widerstands» statt, auf dem der Frankfurter Soziologieprofessor Jürgen Habermas erstmals seinen Linksfaschismusvorwurf gegenüber Rudi Dutschke und dem SDS erhebt.

5.-10. 6.
Der dritte israelisch-arabische Krieg endet mit der Okkupation der Sinai-Halbinsel und Teilen von Jordanien – unter anderem der Altstadt Jerusalems – durch die Israelis.

18. 6.
Nachdem es schon – am 26. 2. – in Frankfurt zu einer nationalen Schülerkonferenz gekommen war, gründen Vertreter von Schülergruppen aus 26 Städten der gesamten Bundesrepublik mit Unterstützung des SDS das Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler (AUSS).

22. 6.
Im Wohnheim der ESG Berlin treten 100 Studenten für ihren inhaftierten Kommilitonen Fritz Teufel in einen Hungerstreik. Erst nach einer Welle von Protesten wird der Kommunarde – am 10. 8. – aus der Untersuchungshaft entlassen.

23. 6.
In Los Angeles löst die Polizei ein peace-in auf, zu dem sich 15000 peaceniks in einem Park versammelt haben. 100 Jugendliche werden nach dem brutalen Einschreiten mit schweren, 1300 mit leichten Verletzungen in die Krankenhäuser der Umgebung eingeliefert.

12.-17. 7.
Nachdem es schon in den beiden vorhergehenden Sommern zu vereinzelten Negeraufständen in den Gettos von Los Angeles und Cleveland gekommen war, löst eine massenhafte Revolte in Newark, bei der es durch den Einsatz von 4000 Polizisten und Nationalgardisten zu 27 Todesopfern und 1100 Verletzten kommt, eine wahre Kettenreaktion in mehr als 100 amerikanischen Städten aus. Als sich daraufhin – vom 20. bis 24. 7. – über 1000 Delegierte zu einer Black Power-Konferenz in Newark treffen, um Boykott- und Widerstandsmaßnahmen zu beschließen, bricht am letzten Tag der Konferenz erneut eine schwere Revolte – diesmal in der Automobilstadt Detroit – aus. Unter dem Einsatz von Rauchbomben, Nervengas, Panzern und Hubschrauberstaffeln schlagen 16000 Uniformierte den mehrtägigen Aufstand nieder. 41 Farbige werden getötet, 2000 verletzt und über 4000 verhaftet; der Sachschaden wird über 2 Milliarden DM geschätzt. Trotz einer aussichtslosen militärischen Lage haben in Newark und Detroit zum erstenmal organisierte Stadtguerilla-Gruppen der Black Panther in den Kampf eingegriffen.

7. 7.
Als der Frankfurter Philosophieprofessor Theodor W. Adorno bei seinem Vortrag über Goethes Iphigenie trotz der Ermordung Benno Ohnesorgs nicht zu einer politischen Diskussion bereit ist, entrollen Kommunarden Spruchbänder mit der Aufschrift «Berlins linke Faschisten grüßen Teddy den Klassizisten». Am Ende des Vertrags scheitert der Versuch einer Studentin, Adorno einen aufgeblasenen roten Gummi-Teddy zu überreichen, weil er ihr von einem anderen Studenten aus der Hand geschlagen wird.

9. 7.
In der japanischen Stadt Sunagawa demonstrieren 6000 Studenten mit über 40000 Arbeitern gegen die Ausdehnung eines US-Luftstützpunktes, der als Nachschubbasis für den Vietnam-Krieg dienen soll.

2. 8.
Provos veranstalten im New Yorker Tompkins Square Park ein öffentliches smoke-in, bei dem unter den Augen der Polizei über 4000 Jugendliche drei Kilo Marihuana verbrauchen.

19. 8.
Während einer amerikanischen Militärparade in Berlin werden Studenten, die gegen den Vietnam-Krieg protestieren, von Zuschauern verprügelt.

8. 9.
Während der SDS -Delegiertenkonferenz in Frankfurt versucht eine Teilnehmergruppe eine gleichzeitig stattfindende Vietnam-Debatte im Amerikahaus zu sprengen.

6.10.
Um gegen das in den Massenmedien angekündigte, vermeintliche Ende der Hippie-Bewegung und ihre Vermarktung in den «Flower Power»-Kommerz zu protestieren, bilden Tausende San Franciscoer Hippies einen Trauerzug und verbrennen symbolisch einen mit Ketten, Drogen, Kleidern und Blumen gefüllten Sarg im Buena Vista Park.

8.10.
Die Tagung der Gruppe 47 in Pulvermühle beschließt nach einem go-in von Studenten den Boykott des Springer-Konzerns.

9.10.
Nachdem Che Guevara am Vortag in einem Partisanenlager im bolivianischen Dschungel verwundet gefangengenommen werden konnte, ermorden ihn von Amerikanern ausgebildete Rangers und stellen seinen Leichnam in Valle Grande zur Schau. Mit der baldigen Aufreibung der restlichen Guerillagruppe scheitert der Versuch, den revolutionären Aurstand von Kuba auf das lateinamerikanische Festland überspringen zulassen.

18.10.
Während der Frankfurter Buchmesse finden mehrere Demonstrationen gegen Stände des Springer-Konzerns und Griechenlands statt.

21.10.
In Washington belagern 250000 Demonstranten aus Protest gegen den Vietnam-Krieg das Pentagon. Die Regierung setzt gegen sie rund 10000 Polizisten, Nationalgardisten und Fallschirmjäger ein, die über 600 Demonstranten verhaften. Auch in London, Paris, Berlin, Rom, Oslo, Amsterdam und Tokio kommt es zu Massendemonstrationen gegen den Vietnam-Krieg.

l. 11.
Im Berliner Audimax findet die Gründungsversammlung der «Kritischen Universität» statt. In über 30 Kollektiven wird mit der Selbstorganisation des Studiums und seiner politischen Reflexion begonnen.

9. 11.
Bei der feierlichen Rektoratsübergabe in Hamburg kommt es zu Zwischenfällen, während denen ein Transparent mit der Aufschrift «Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren» entrollt wird, um gegen die Ordinarienuniversität zu protestieren. Zu ähnlichen Zwischenfällen kommt es noch während des ganzen Monats Oktober in den Universitäten von Heidelberg, Tübingen, Marburg und an der Berliner TU.

12. 11.
Während eines Gastspiels des Rostocker Volkstheaters zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution in Frankfurt am Main erliegt der Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes Kurt Barthel einem Herzschlag, als Studenten versuchen, die Revolutionsrevue zu stören.

12.11. Anläßlich der Abreise des japanischen Ministerpräsidenten Sato in die Vereinigten Staaten, wo über die Rückgabe der Insel Okinawa an Japan verhandelt werden soll, organisiert die militante Studentenorganisation Zengakuren eine Blockade des Haneda Airports. Bei den stundenlangen Kämpfen zwischen 15000 Demonstranten und Tausenden von Polizisten werden etwa 500 Studenten verletzt und 333 verhaftet.

20. 11.
Vor Fernsehkameras unterbricht eine Frankfurter SDS-Gruppe die Vorlesung des SPD-Mitglieds Professor Carlo Schmid durch ein go-in und fordert eine Diskussion über die Notstandsgesetze.

23.11.
Der Mörder von Benno Ohnesorg, Kriminalobermeister Kurras, wird in Berlin von der Anklage der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

28.11.
Anläßlich der Prozeßeröffnung gegen den Kommunarden Fritz Teufel demonstrieren über 1000 Studenten vor dem Berliner Gerichtsgebäude. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Reiter gegen die protestierende Menge ein.

29.11.
In Gießen versucht der Verfassungsschutz Studenten anzuwerben, um sie als Spitzel im SDS einzusetzen.

19.12.
Nach einer tumultartigen Diskussion mit dem Regierenden Berliner Bürgermeister Schütz – «Brecht dem Schütz die Gräten; alle Macht den Räten» – demonstrieren die Studenten vor der griechischen Militärmission und dem Amerikahaus.

20.12.
Innerhalb von vier Wochen haben über 30000 Studenten und Dozenten das Hochschulmanifest gegen die Notstandsgesetzgebung unterzeichnet.

24.12.
In der Berliner Gedächtniskirche wird Rudi Dutschke beim Versuch, während des Weihnachtsgottesdienstes von der Kanzel eine Rede über den Vietnam-Krieg zu halten, von einem Gottesdienstbesucher niedergeschlagen. Bei einem go-in von Studenten ins Bonner Münster muß Bundeskanzler Kiesinger das Gotteshaus fluchtartig durch einen Seiteneingang verlassen.

1968

10. 1.
Zwei Münchener Studenten sprengen Universitätsvorlesungen mit Polizeiuniformen, die sie sich beim Kostümverleih geborgt haben. Am 18. 4. werden sie von einem Münchener Gericht zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt.

15 .-24. 1.
In Bremen bringen Schüler die vom Senat geplante Erhöhung der Verkehrstarife durch Demonstrationen und Blockaden, deren Teilnehmerzahl innerhalb einer Woche von 50 auf 4000 steigt, zu Fall. Der Widerstand der Bremer Schüler wird zum Modellfall für ähnliche Aktionen, die das ganze Frühjahr über noch in Bochum, Göttingen, Oberhausen und Kiel stattfinden.

17.-18. 1.
In der japanischen Hafenstadt Sasebo, wo der US-Flugzeugträger «Enterprise» aus dem Golf von Tonking vor Vietnam erwartet wird, greifen etwa 1000 mit Helmen und Stöcken ausgerüstete Zengakuren-Studenten eine Barrikade der Polizei an. Obwohl sie unablässig mit Tränengasbomben beschossen werden, gelingt es ihnen, die auf einer Brücke stehende Barrikade hinunterzuwerfen. Nun werden sie von mehreren Spezialtruppen der Polizei unter dem Einsatz von Panzerfahrzeugen eingezingelt und Schritt für Schritt bis zur Bewußtlosigkeit zusammengeschlagen. Daraufhin solidarisiert sich die anfänglich reservierte Bevölkerung von Sasebo mit den Studenten und bewirft bei der Ankunft der « Enterprise» – am 19. 1. – eigenhändig die Polizeisperren mit Steinen. Als im ARD-Fernsehen Aufnahmen von Sasebo gezeigt werden, kommt es in der Bundesrepublik durch Studenten zu massenhaften Käufen der charakteristischen Bauarbeiterhelme.

24. 1.
In Berlin wird das Romanische Seminar für eine Woche geschlossen, weil die Studenten auf Diskussionen in den Lehrveranstaltungen bestehen.

30. 1.
Durch die Tet-Offensive, in deren Verlauf der Vietcong bis in die amerikanische Botschaft in Saigon eindringen kann, findet sich die US-Regierung bereit, der Eröffnung von Vietnam-Friedensgesprächen in Paris-am 13.5.-zuzustimmen.

31.1.
Wegen der Weigerung der Philosophischen Fakultät der FU, mit den Studenten über die Studienreform zu diskutieren, wird ihnen zunächst der Strom abgestellt, so daß die Sitzung bei Kerzenschein fortgeführt werden muß. Danach wird schließlich die Tür aufgeschlagen, worauf die diskussionsun-willigen Professoren die Flucht antreten.

1. 2.
Nach einer Vorbereitungsveranstaltung für das «Springer-Hearing» in der TU Berlin, auf der ein Lehrfilm von Holger Meins über den Bau von Molotow-Cocktails gezeigt wurde, werfen Unbekannte nachts in sieben Morgenpost-Filialen des Springer-Konzerns die Scheiben ein.

4. 2.
Während eines go-in im Bonner Rektorat wird ins Goldene Buch der Universität der Unterschrift von Bundespräsident Heinrich Lübke die Bezeichnung «KZ-Baumeister» beigefügt. Lübke hatte im Dritten Reich als Architekt Pläne zum Bau von Konzentrationslagern ausgearbeitet.

7. 2.
1000 Freiburger Studenten stürmen das dortige Amtsgericht, um Festgenommene zu befreien.

9. 2.
In Baden-Württemberg erhalten Studenten, die wegen eines Entwurfs zum Hochschulgesetz in Vorlesungsstreik getreten sind, von einigen Betriebsräten Solidaritätserklärungen.

17.-18. 2.
An der Berliner TU findet unter Beteiligung von mehreren tausend Studenten der «Internationale Vietnam-Kongreß» statt. Ein vom Senat erlassenes Demonstrationsverbot wird noch während des Kongresses vom Verwaltungsgericht aufgehoben. So ziehen 12000 Demonstranten, unter ihnen eine Reihe von SPD-Mitgliedern, durch die Berliner Innenstadt. Auf der Abschlußkundgebung wird die von den Kongreßteilnehmern verabschiedete Schlußresolution verlesen, in der zu einer Desertionskampagne von GIs aufgerufen und die «Zerschlagung der NATO» gefordert wird.

18.2.
In der Haight-Ashbury in San Francisco liefern sich Tausende von Hippies ihre erste Straßenschlacht mit Sondereinheiten der Polizei. Ein großer Teil ist durch die brutalen Kommerzialisierungsversuche der Hippiebewegung politisiert worden und schließt sich der von Jerry Rubin und Abbie Hoffman gegründeten Youth International Party an und nennt sich fortan Yippies.

21. 2.
Nachdem das Verbot der Vietnam-Demonstration vom Berliner Senat nicht aufrechterhalten werden konnte, mobilisiert er zusammen mit dem DGB und dem Springer-Konzern zu einer Gegenkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus. Nach dem Motto «Berlin darf nicht Saigon werden!» formieren sich etwa 80000 Berliner in planmäßigen Marschsäulen. Die Behörden hatten ihren Mitarbeitern schon Stunden vorher frei gegeben, die öffentlichen Verkehrsbetriebe Sonderlinien eingerichtet und die Rundfunksender Extrameldungen durchgegeben. Während dieses obrigkeitsstaatlich verordneten Demonstrationszuges kommt die von Springer-Zeitungen systematisch angeheizte Pogromstimmung gegenüber Studenten, Langhaarigen, Intellektuellen usw. voll zum Ausbruch. Über vierzig «Verdächtige» wurden zusammengeschlagen, drei von ihnen müssen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Einer, der angeblich Rudi Dutschke ähnlich sehen soll, kann seine Haut nur durch eine Flucht vor der ihn verfolgenden Menge retten.

1.3.
In Frankfurt demonstrieren 1000 Studenten gegen den Vietnam-Krieg und für die Freilassung von Rudi Dutschke, der auf dem Flughafen von der Polizei für den Zeitraum der Demonstration «vorsorglich» festgenommen worden war.

5.3.
An der Kölner Universität demonstrieren kurzarbeitende Ford-Arbeiter gemeinsam mit SDS-Studenten.

8.-28. 3.
Als sich auf einer illegalen Protestversammlung Warschauer Studenten gegen die Relegierung von zwei politisch aktiven Kommilitonen wenden, wird die Universität durch Polizeieinheiten geräumt. Daraufhin kommt es zu tagelangen Straßenschlachten mit der polnischen Polizei, die regelrechte Treibjagden auf die Studenten veranstaltet und dabei eine unbekannte Zahl verletzt und verhaftet. Nachdem sich die Protestdemonstrationen auf alle größeren Städte Polens ausgeweitet haben, beginnt – am 15. 3. – ein mehrtägiger Streik an der Warschauer Universität, der erst – am 28. 3. – durch die Schließung des Rektors unterbunden werden kann. Obwohl die Partei Gegendemonstrationen zu organisieren versucht, kommt es während eines Sitzstreiks von 5000 Studenten der TH Warschau zu Solidarisierungen, als Bürger die Studenten mit Lebensmitteln versorgen. Als Folge der studentischen Opposition tritt der polnische Staatspräsident -am 11. 4. – vom seinem Amt zurück.

10.3.
Mehrere tausend Prager Studenten versammeln sich demonstrativ am Grabe des 20 Jahre zuvor unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen Außenministers Jan Masaryk, um ihren Demokratisierungsforderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Als – am 22. 3. – Staatspräsident Novotny, ein Altstalinist, seinen Rücktritt bekanntgibt, hat der «Prager Frühling» begonnen.

17.-21. 3.
Zur Eröffnung des SPD-Parteitages in Nürnberg versuchen Demonstranten, die Spitzenfunktionäre Brandt und Wehner in Bedrängnis zu bringen. Auch während des Parteitages kommt es vor der Kongreßhalle mehrmals zu Protestkundgebungen gegen die Politik der Sozialdemokraten.

21. 3.
Parallel zum AUSS wird in Frankfurt der Sozialistische Lehrerbund (SLB) gegründet.

22. 3.
An der französischen Universität Nanterre bildet sich die Bewegung des 22. März durch eine spontane Protestversammlung gegen die Verhaftung von sechs Mitgliedern des Nationalen Vietnam-Komitees, auf der die Besetzung des universitären Verwaltungsgebäudes beschlossen wird.

26.3.
Nach der Räumung der Katholischen Universität Mailands durch Polizeieinheiten versuchen 3000 Studenten durch einen Sturmangriff die Absperrungen zu überwinden, dabei werden über sechzig Studenten verletzt und etwa ebenso viele verhaftet.

29. 3.
In Rio de Janeiro werden bei der Niederschlagung einer Studentendemonstration zwei Teilnehmer von der brasilianischen Polizei erschossen.

31. 3.
Auf einer außerordentlichen Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt wird die Beantragung eines Ausschlußverfahrens für Rudi Dutschke abgelehnt. Dutschkes Konterfei war auf dem Titelblatt der Zeitschrift Capital erschienen; außerdem hatte er für ein darin enthaltenes Interview mit dem Titel «Wer bezahlt Rudi Dutschke?» 1000 DM angenommen.

3. 4.
In zwei Kaufhäusern auf der Frankfurter Zeil explodieren nachts Brandsätze, die einen hohen Sachschaden verursachen. Die schon einen Tag später verhafteten Baader, Ensslin, Söhnlein und Proll geben während ihres Prozesses – vom 17.-31. 10. – bekannt, sie hätten die Kaufhäuser niederbrennen wollen, «um gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber den Morden in Vietnam zu protestieren». Das Gericht verhängt über alle vier Angeklagten eine Zuchthausstrafe von jeweils drei Jahren.

4. 4.
In der amerikanischen Stadt Memphis wird der Repräsentant der gewaltlosen, passiven Widerstandsbewegung der Schwarzen, Martin Luther King, erschossen. Daraufhin kommt es in 125 Großstädten zu spontanen Aufständen der farbigen Gettobevölkerung. In tagelangen bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit 22000 Polizisten und 34000 Nationalgardisten werden 46 Aufständische getötet, 2600 verletzt und über 21000 verhaftet.

11.-15. 4.
Auf dem Kurfürstendamm in Berlin wird Rudi Dutschke durch ein Revolverattentat des neonazistisch beeinflußten Josef Bachmann lebensgefährlich verletzt. Da die Tat gemeinhin als Folge der systematischen Hetzkampagne des Berliner Senats und der Springer-Presse angesehen wird, kommt es im Verlauf der Ostertage in der gesamten Bundesrepublik zu massenhaften Versuchen, die Auslieferung der Springer-Zeitungen zu verhindern. Schon am Abend nach dem Attentat beginnen 2000 Studenten das Springer-Hochhaus an der Berliner Mauer zu stürmen. Nachdem der Versuch durch Polizeikräfte vereitelt worden ist, werden die Fahrzeughalle in Brand gesetzt und mehrere Transportfahrzeuge zerstört. Innerhalb der fünf Tage dauernden Straßenschlachten an den Auslieferungstoren der Springer-Druckereien beteiligen sich über 60000 an den Blockaden. Erstmals ist der Anteil der nichtintellektuellen Jugendlichen, vor allem von Lehrlingen, besonders hoch. Die 21000 eingesetzten Polizisten verhaften über 1000 Demonstranten, mitunter auch unbeteiligte Hausfrauen und Rentner. Bei den schwersten Straßenschlachten in Deutschland seit der Weimarer Republik kommen zwei Menschen – in München – ums Leben, 400 werden zum Teil schwer verletzt.

In Washington, New York, Toronto, London, Amsterdam, Brüssel, Paris, Mailand, Tel Aviv, Belgrad, Oslo, Prag und Wien kommt es zu Solidaritätsdemonstrationen vor den deutschen Botschaften und Springer-Büros. In Rom werden Molotow-Cocktails in Porsche- und Mercedes-Vertretungen geschleudert.

Von den 827 Beschuldigten, gegen die Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden, wird – am 16. 4. – in München der erste «Osterdemonstrant» wegen Aufruhrs und Auflaufs zu sieben Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Auf einer Bundestagssondersitzung «zu den Osterunruhen» bezeichnet Innenminister Benda den SDS als verfassungsfeindliche Organisation.

1.5.
Neben den offiziellen Mai-Kundgebungen des DGB veranstalten die Gruppen der APO in der gesamten Bundesrepublik Gegenkundgebungen. Gegenüber 80000 offiziellen kommen beispielsweise in Berlin 40000 APO-Teilnehmer zusammen.

2. 5.
Weil das Hamburger SDS-Mitglied Karl-Heinz Roth beschuldigt wird, «am 1. Mai zur Verletzung der Bannmeile des Hamburger Rathauses aufgefordert und bei seiner Festnahme Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet zu haben», wird er verhaftet und auf Grund umfassender Protestaktionen schon einen Tag später wieder entlassen. Als kurz darauf wieder ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt wird, beschließt der SDS auf einem Teach-in, daß er sich der wiederholten Inhaftierung entziehen solle. Nun taucht Roth für ein Jahr unter, nicht ohne auf Massenveranstaltungen wie Teach-ins und Demonstrationen wieder in aller Öffentlichkeit aufzutauchen. In einem Spiegel-Interview aus dem «Untergrund» erklärt Roth am 3. 7. «Mein Fall soll zeigen, daß der Staatsapparat durchaus unterlaufen werden kann.» Erst ein Jahr später stellt er sich in Begleitung seines Anwalts und Hunderten Studenten auf dem Hamburger Polizeipräsidium; seine Anklagepunkte fallen später unter das Amnestiegesetz.

5.5.
Anläßlich des 150. Geburtstages von Karl Marx findet in Trier neben der offiziellen UNESCO-Veranstaltung mit Willy Brandt eine Gegenveranstaltung mit Professor Wolfgang Abendroth und dem sowjetischen Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland statt.

5.5.
Im Chinesenviertel von Saigon wird der Geschäftsträger der Bundesrepublik, Freiherr von Collenberg, vom Vietcong erschossen.

3. 5.-30. 6.
«Pariser Mai»: Als einige hundert Studenten auf dem Hof der Sorbonne gegen die Schließung der Philosophischen Fakultät in Nanterre protestieren, werden sie auf Veranlassung des Rektors von der Polizei auseinandergetrieben. Daraufhin kommt es zu einer spontanen Demonstration auf dem Boulevard Saint Michel, wo durch das erneute Eingreifen der Polizei eine sechsstündige Straßenschlacht ausgelöst wird. Gegen die anschließende Verordnung von Erziehungsminister Peyrefitte, die Sorbonne zu schließen, versammeln sich – am 6.5. -10000 Studenten vor der Naturwissenschaftlichen Fakultät. Dort beginnen am Abend Straßenschlachten zwischen Studenten und schwerbewaffneten Polizisten, die jede Menschenansammlung zu verhindern versuchen. Als die Kämpfe auf den Barrikaden des Quartier Latins schließlich in den Morgenstunden des nächsten Tages abflauen, zählt man 1100 Verletzte und über 400 Verhaftete. Nachdem es auch am Dienstag und Mittwoch zu Demonstrationen mit 50000 und 20000 Teilnehmern auf den Champs-Elysees und dem Boulevard Saint Germain gekommen war und sich zudem die beiden großen Gewerkschaften CGT und CFDT mit den Studenten solidarisiert haben, beginnt am Freitagabend die Barrikadennacht des 10. Mai. 20000 Schüler und Studenten errichten nach dem Scheitern von Verhandlungen über die Wiedereröffnung der Sorbonne aus Angst vor erneuten Angriffen der Polizei in großen Teilen des Quartiers Barrikaden. 10000 CRS-Polizisten versuchen ab 2 Uhr nachts unter dem Einsatz von Tränengas, Brandbomben und Gummiknüppeln, die Barrikaden zu räumen. Trotz des erbitterten Widerstands der Schüler und Studenten bricht die Abwehrkette in den Morgenstunden zusammen. Als das ganze Ausmaß der Kämpfe am Samstagmorgen zu erkennen ist – 600 Verletzte, 70 ausgebrannte Autowracks, mehrere verwüstete Straßenzüge und unzählige Verhaftete -, beschließen die Gewerkschaften, nachdem es im übrigen Frankreich zu einer Welle von Solidaritätsaktionen gekommen ist, einen 24Stündigen Generalstreik. Über eine Million Arbeiter, Studenten und Schüler formieren sich am Montag, dem 13. 5., zum größten Demonstrationszug der französischen Geschichte, der schließlich mit der Besetzung der Sorbonne durch Studenten endet. Dieses Signal wird von den Arbeitern aufgegriffen, die am folgenden Tag Sud-Aviation in Nantes und die Renault-Werke bei Rouen besetzen, wodurch sich die Streikbewegung mit Fabrikbesetzungen schnell auf alle großen Industriezweige und Betriebe ausdehnt. Nachdem die Sorbonne zur «autonomen Universität für Studenten und Arbeiter» erklärt worden ist, wird das Odeon-Theater am «Tag der Aktion» – dem 15. 5. – besetzt und in ein «freies Volkstheater» verwandelt, in dem eine permanente Diskussion über die Kulturrevolution beginnt. Nun warnt das Politbüro der KPF in einem Kommunique vor «abenteuerlichen Handlungen». Nachdem Abbruch des Staatsbesuchs von General de Gaulle in Rumänien wird der Mißtrauensantrag der Opposition in der Nationalversammlung abgelehnt und ein Amnestiegesetz verabschiedet. Als de Gaulle – am 24. 5. – in einer Fernsehansprache des ORTF ein Referendum über die Mitbestimmung ankündigt, brechen nach einer weiteren Demonstration von 50000 im Quartier Latin erneut Straßenkämpfe aus, die erneut erst im Morgengrauen mit 100 Verletzten und 300 Verhafteten wieder abflauen. Bei Demonstrationen in der Provinz wird in Lyon ein Polizist durch einen umstürzenden Lastwagen getötet. Nachdem die französische Regierung dem Sprecher der Bewegung des 22. März, Daniel Cohn-Bendit, die Rückreise verwehrt hat und es deshalb schon zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen war, gelangt Cohn-Bendit illegal über die Grenze nach Paris. Als am Montag – dem 27. 5. – das Verhandlungsergebnis zwischen Gewerkschaften und Regierung bekanntgegeben wird, beginnt für zehn Millionen Arbeiter die zweite Streikwoche. Nach einer Demonstration der Aktionseinheit von Arbeitern und Studenten, an der sich – am 29. 5. – über eine halbe Million beteiligt, findet nach einer weiteren Fernsehansprache de Gaulles, in der die Auflösung der Nationalversammlung bekanntgegeben und Ruhe und Ordnungsparolen ausgegeben werden, eine gaullistische Demonstration statt, zu der sich etwa eine Million «Franzosen» auf dem Place de la Concorde versammeln. Trotz einer kaum abbröckelnden Streikfront kann sich die gaullistische Reaktion unter Zuhilfenahme aller staatlichen Repressionsmittel im Laufe des kommenden Monats durchsetzen. Nach der gewaltsamen Räumung des ORTF, den Renault-Werken von Flins, dem Odeon und der Sorbonne in Paris – am 16. 6. – erreichen die Gaullisten in den Parlamentswahlen vom 23. und 30. 6. die absolute Mehrheit.

11.5.
Ändern vom «Kuratorium Notstand der Demokratie» durchgeführten Sternmarsch auf Bonn beteiligen sich – trotz einer vom DGB zum gleichen Zeitpunkt veranstalteten Alternativkundgebung in Dortmund – über 60000 Demonstranten aus der gesamten Bundesrepublik. Der vom SDS an die Gewerkschaften gerichtete Aufruf zu einem Generalstreik bleibt ungehört.

15.-30.5.
Anläßlich der zweiten Lesung der Notstandsgesetze im Bonner Bundestag findet in einer Vielzahl von bundesrepublikanischen Städten eine ganze Serie von Anti-Notstands-Aktionen auf regionaler und lokaler Ebene statt. Als Beispiel für viele andere sei hier der Ablauf der Ereignisse in der Rhein-Main-Metropole Frankfurt skizziert: Als am Morgen des 15. 5. Streikposten die Eingänge der Frankfurter Universität besetzen, führen in den Betrieben der Stadt 10000 Arbeiter und an den Gymnasien 3000 Oberschüler Warnstreiks durch. Nach einer Unterbrechung des Streiks läßt der Rektor – am 27. 5. – die Universität präventiv für eine Woche schließen. Als Reaktion darauf beschließen auf einem Teach-in 2000 Studenten, das Rektorat zu besetzen und zur Zentrale des Streikkomitees zu machen. Nach der Besetzung ziehen am Nachmittag aus verschiedenen Betrieben und Stadtteilen 15000 Demonstranten in die Innenstadt, wo das SDS-Bundesvorstandsmitglied Hans-Jürgen Krahl in seiner Römerbergrede nach Beiträgen von Gewerkschaftern und Betriebsräten zu einem gemeinsamen politischen Streik von Arbeitern, Schülern und Studenten aufruft. Im Anschluß an die Kundgebung wird nach einer eingehenden Beratung das Programm für eine Politische Universität an den Universitätseingängen ausgehängt. An den am nächsten Morgen begonnenen Seminaren, die alle wesentlichen Themenbereiche der APO behandeln und von Professoren, Assistenten und Studenten durchgeführt werden, beteiligen sich zwar 2000 Studenten und Schüler, jedoch trotz intensiver Betriebsagitation nur eine verschwindend geringe Anzahl von Arbeitern. Nach erneuten größeren Bemühungen, Arbeiter und Lehrlinge in die zur «Karl Marx-Universität» umfunktionierten «Johann-WoIfgang-Goethe-Universität» zu bekommen und damit die Voraussetzungen für eine Aktionseinheit herzustellen, die schon im Ansatz scheitern, können – am 30. 5. – mehrere Hundertschaften Bereitschaftspolizei ohne größere Schwierigkeit die Universität räumen und am darauffolgenden Tag auch noch das Büro des SDS-Bundesvorstandes durchsuchen. Insgesamt haben sich innerhalb von vierzehn Tagen in mehr als fünfzig Städten der gesamten Bundesrepublik über 80000 Demonstranten erfolglos gegen die am 30. 5. mit der Mehrzahl der Stimmen der SPD-Fraktion zustande gekommene Annahme der Notstandsgesetze zu wehren versucht.

23. 5.
In der senegalesischen Hauptstadt Dakar kommt bei der von Staatspräsident Senghor veranlaßten Räumung der besetzten Universität ein Student ums Leben.

Mai ’68
Unabhängig von den Ereignissen in Paris und der Bundesrepublik kommt es in nahezu allen Erdteilen zu Universitätsbesetzungen, Massendemonstrationen und Straßenschlachten mit den staatlichen Ordnungskräften: Hervorzuheben sind dabei: Genf, Wien, Mailand, Rom, Belgrad, Madrid, London, Essex, Ankara, Istanbul, New York, Buenos Aires, Tucuman, Rio de Janeiro, Tokio und die vielen anderen . . .

3. 6.
Statt der erwarteten mehreren tausend Studenten und Schüler kommen nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze lediglich noch ein paar hundert zu einem vom VDS organisierten Pfingstkongreß nach Frankfurt. Nach einem Referat des Soziologieprofessors Jürgen Habermas – «Die Scheinrevolution und ihre Kinder» kommt es zu einer erbitterten Diskussion mit SDS-Studenten über den ein Jahr zuvor in Hannover erhobenen Vorwurf des «linken Faschismus».

3 .-10. 6.
In der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad erzwingen Studenten durch einen Universitätsstreik von Staatspräsident Tito die Zusage, weitgreifende Hochschulreformen durchzuführen.

9. 6.
Nach der Besetzung des Rektorats der Mailänder Staatsuniversität – am 16. 5. – kommt es erneut zu heftigen Straßenschlachten, in deren Verlauf 247 Studenten festgenommen werden.

13. 6.
Auf einer Vollversammlung des Otto-Suhr-Instituts der Politologen der Berliner FU wird bei dreißig Gegenstimmen die von den Studenten geforderte drittelparitätische Institutssatzung angenommen. Zur gleichen Zeit geht eine Welle von Institutsbesetzungen und Kämpfen um eine drittelparitätische Satzung durch die Universitäten der Bundesrepublik.

15. 6.
Nach blutigen Studentenunruhen in Montevideo hat Staatspräsident Areco den Ausnahmezustand in Uruguay verhängt. In Ankara und Istanbul halten protestierende Studenten ihre Universitäten besetzt.

23.6.
Bei Straßenschlachten zwischen Studenten und Polizeieinheiten werden in Rio de Janeiro sechs Studenten getötet.

27. 6.
Das besetzte Ostasien-Seminar der FU wird auf Anweisung des Rektors von Polizeikräften geräumt. Eine anschließende Besetzung des Rektorats mit der AStA-Vorsitzenden Sigrid Fronius wird ebenfalls nach mehreren Stunden geräumt.

13.7.
Vor der Wahl eines neuen Studentenparlaments in der mexikanischen Stadt Pueblo kommt es zu einem blutigen Feuergefecht, bei dem zwei Studenten von der Polizei getötet und acht verletzt werden.

23. 7.
Die vier Frankfurter Professoren Denninger, von Friedeburg, Habermas und Wiethölter veröffentlichen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen eigenen Entwurf für ein neues hessisches Hochschulgesetz, das den «Demokratisierungsforderungen der Studenten Rechnung tragen» soll.

30. 7.
Um zu beweisen, daß der Vietnam-Krieg – würde er nur gegen Hunde, anstatt gegen Menschen geführt – schon nach kurzer Zeit durch den Protest der internationalen Tierschutzvereine und tierliebender Richter gestoppt würde, kündigt die Internationale der Kriegsdienstgegner in München die öffentliche Verbrennung eines Hundes an. Daraufhin erhebt sich eine Protestwelle; unter anderem macht eine Frau das Angebot, lieber sich als den Hund verbrennen zu lassen.

4. 8.
Weil während der kommunistischen Weltjugendfestspiele in Sofia SDS-Delegierte zusammen mit anderen Festspielteilnehmern versuchen, eine Vietnam-Demonstration vor der amerikanischen Botschaft zu organisieren, werden sie von bulgarischen Geheimpolizisten zusammen mit anderen SDS-Mitgliedern des traditionalistischen Flügels, späteren DKP-Mitgliedern, zusammengeschlagen.

15. 8.
In Montevideo versammeln sich mehrere hunderttausend Demonstranten zur Trauerfeier für den Studenten Liber Arce (zu deutsch: sich befreien), der von einem Polizisten von hinten erschossen worden war.

21. 8.
Nach dem Scheitern von drei kurzfristig angesetzten Ostblockkonferenzen über den Reformkurs der KP der CSSR und den daraufhin angesetzten Manövern der Warschauer Pakt-Truppen entlang der tschechoslowakischen Grenzen besetzen in der Nacht zum 21. 8. Truppen der Sowjetunion, der DDR, Ungarns, Polens und Bulgariens die CSSR. Obwohl große Teile der Bevölkerung der Okkupation passiven Widerstand entgegensetzen, sind Staatspräsident Svoboda (zu deutsch: Freiheit) und Parteichef Alexander Dubcek dazu gezwungen, sich die Bedingungen eines sogenannten «Truppenstationierungsvertrages» von 200000 Soldaten des Warschauer Pakts – am 16.10. – oktroyieren zu lassen.

23. 8.
In der Nacht zum 23. 8. malen die beiden Söhne des DDR-Regimekritikers Robert Havemann, Frank und Florian, im Zentrum von Ost-Berlin mit weißer Farbe den Namen DUBCEK an mehrere Hauswände. Eine junge Frau schreibt auf das Dach ihres Kinderwagens die Namen DUBCEK und SVOBODA und zieht damit durch die ganze Stadt. Alle drei werden kurz darauf von Beamten des Staatssicherheitsdienstes verhaftet. Ebenso ein Mann, der mit einer schwarzen Binde am Arm spazierengeht und von den Beamten nach der Bedeutung gefragt antwortet: «Weil eine große Hoffnung heute begraben wurde.»

25.-28. 8.
Auf dem Parteikonvent der Demokraten in Chicago, der Hubert Humphrey zum Gegenkandidaten von Richard Nixon wählt, wird Abend für Abend auf Anweisung von Bürgermeister Daley eine Manifestation der «New Left» gegen den Vietnam-Krieg und die Unterdrückung der McCarthy-Opposition niedergeschlagen. Rund 25000 Soldaten, Nationalgardisten und Polizisten gehen dabei mit äußerster Brutalität gegen die im Verlauf der Kämpfe von 2000 auf 12000 anschwellende Zahl der Demonstranten vor. Hippies, Yippies, Black Panther, die Rockband MC 5 werden dabei ebenso wie Fernsehreporter, Pressefotografen und Parteitagsdelegierte im Lincoln-Park eingekreist und unter dem Einsatz von Tränengasgranaten, Schlagstöcken und Rauchbomben bis auf den letzten Demonstranten niedergeknüppelt.

4. 9.
Der Berliner Kommunarde Karl-Heinz Pawla scheißt während seiner Verhandlung vor den Richtertisch des Moabiter Kriminalgerichts und wischt sich anschließend mit Gerichtsakten den Hintern ab. Nach zweitägiger Unterbrechung des Verfahrens wird er wegen Richterbeleidigung zu zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.

12.-16. 9.
Als der SDS auf seiner 23. Delegiertenkonferenz in Frankfurt nach dem Ausschluß von fünf Mitgliedern des «Traditionalisten-Flügels», die bei den Weltjugendfestspielen andere SDS-Mitglieder zusammengeschlagen hatten, auseinanderzubrechen droht, interveniert der Berliner «Aktionsrat zur Befreiung der Frau». Aber anstatt auf Fraktionsquerelen einzugehen, wirft die Sprecherin Heike Sanders den antiautoritären SDS-Autoritäten vor, daß in dieser Organisation die Frauen ebenso wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen unterdrückt werden. Als der nächste Redner, Hans-Jürgen Krahl, auf diesen Beitrag nicht eingehen will, wird er von einer hochschwangeren Berliner Volkswirtschaftlerin mit Tomaten beworfen. Am letzten Tag der abgebrochenen und nach Hannover vertagten Delegierten Konferenz kommt es noch zu einem kleineren Scharmützel mit der Polizei. Weil der Besitzer des Westend-Cafes «Laumer» Langhaarigen, Bärtigen und sonstigen freaks den Eintritt verwehrt, machen Fritz Teufel und etwa hundert SDSler ein go-in, wobei es zu einer Tortenschlacht mit der herbeigerufenen Polizei kommt.

16. 9.
In Offenbach wird die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) von illegalen KPD-Mitgliedern gegründet. Nach einem halben Jahr zählt sie rund 20000 Mitglieder, wovon etwa ein Drittel Arbeiter sind. Nach der Liquidierung der KPD durch den Nationalsozialismus – 150000 wurden in Gefängnisse und KZ gesteckt, wo 35000 von ihnen umkamen – und dem Verbot der Nachkriegs-KPD 1956 im Kalten Krieg der Adenauer-Ära – Hunderte werden über Jahre hinweg in Haft behalten – hat die Massenbewegung der außerparlamentarischen Opposition erstmals wieder die Möglichkeit geschaffen, daß sich Kommunisten wieder legal und öffentlich organisieren können.

20. 9.
Vor der Frankfurter Paulskirche versuchen 2000 Demonstranten, Polizeiketten zu durchbrechen, um gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den der Kollaboration mit dem Kolonialismus beschuldigten afrikanischen Staatspräsidenten und Schriftsteller Senghor zu protestieren. Zuvor hatte der SDS beschlossen, einen Gegenpreis für Amilcar Cabral, den Vorsitzenden der Frelimo, der Befreiungsbewegung Mozambiques, zu stiften. Als Daniel Cohn-Bendit nach einem Hechtsprung über das Absperrgitter zusammengeschlagen und fortgetragen wird, beginnen die Demonstranten Autos umzustürzen und Barrikaden zu errichten. Ein Hagel von Steinen und Flaschen zerschellt zwar an den Mauern der Paulskirche, die Verleihungsfeierlichkeiten jedoch können ohne Unterbrechung zu Ende geführt werden. Von den 26 Verhafteten wird Cohn-Bendit in einem Schnellverfahren zu acht Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt.

2.10.
Nachdem es in Mexiko schon in den Sommermonaten zu erbitterten Straßenschlachten mit der Polizei gekommen war, bei denen es Todesopfer und Hunderte von Verletzten gegeben hatte, verschärft sich die Lage in Anbetracht der bevorstehenden Olympischen Spiele immer mehr. Als die Massendemonstrationen der Schüler und Studenten auf dem Paseo de Reforma, der Prachtstraße in Mexico City, bis auf eine Zahl von einer halben Million anschwillt, läßt das Regime, das einen internationalen Prestigeverlust befürchtet, reguläre Armee-Einheiten in die Hauptstadt einmarschieren und die Universitäten und Hochschulen besetzen. Nach tagelangen Abwehrgefechten kommt es in der Nähe des Polytechnikums zum Blutbad des «mexikanischen Herbstes». Die Kundgebung eines studentischen Streikkomitees auf dem «Platz der drei Kulturen» im Titelolco-Viertel, auf dem der Abzug aller Truppen vom Polytechnikum gefordert wird, wird zum Hinterhalt: Einer der Redner wird plötzlich von einem Zivilpolizisten am Hals gewürgt, die Umstehenden sofort darauf von weiteren Geheimpolizisten ergriffen, schließlich der ganze Platz von mit Maschinenpistolen ausgerüsteten Soldaten umstellt. Daraufhin geben auf den Dächern der umliegenden Häuser auftauchende Zivilpolizisten den Soldaten ein Zeichen zum Losfeuern. Nach einem dreistündigen Blutbad, in dessen Verlauf über 5000 Soldaten mit mehr als 300 Panzern und zwei Hubschraubern gegen die wehrlosen Studenten eingesetzt werden, ist der Kundgebungsplatz mit Toten und Verwundeten übersät. Bei der Eröffnung der XIX. Olympischen Sommerspiele am 12. 10. erinnern außer einigen Militärposten nur noch Blutspuren an die 500 Toten und über 2000 Verhafteten, die das Massaker «zur Herstellung von Ruhe und Ordnung für die olympische Begegnung der Jugend aus aller Welt» gekostet hat.

5.10.
Yippie-Leader Abbie Hoffman erscheint vor dem «Untersuchungsausschuß für unamerikanische Umtriebe» in einem aus dem Sternenbanner, der amerikanischen Nationalflagge, geschneiderten Hemd. Als Polizisten ihm daraufhin dieses Hemd vom Leibe reißen, erscheint darunter die blau-gelbrote Fahne des Vietcong, die nicht auch noch vom Leibe zu reißen war, weil Hoffman sie sich zuvor auf die Haut gemalt hatte.

24.10.
Die beiden Farbigen Tommie Smith und John Carlos, die Gewinner der Gold- und Bronzemedaille im 200-m-Lauf, demonstrieren bei der Siegerehrung für die Black-Power-Bewegung, indem sie schwarze Handschuhe tragen, dem Sternenbanner den Rücken zukehren und während des Abspielens der Nationalhymne die geballte Faust zum Himmel strecken. Daraufhin werden sie auf der Stelle aus der US-Mannschaft ausgeschlossen.

4.11.
Als vor dem Berliner Landgericht ein Ehrengerichtsverfahren gegen den Rechtsanwalt Horst Mahler, wegen dessen Teilnahme an der Springer-Blockade stattfinden soll, durchbrechen 2000 Demonstranten am Tegeler Weg die Barrieren der Polizei, erobern einen Wasserwerfer und richten seinen Strahl gegen die ohnehin schon zurückweichenden Beamten. Ein zufällig vorbeifahrender, mit Steinen beladener Lastwagen, der angehalten und «enteignet» wird, gibt Gelegenheit, erstmals zu einer militanten Offensive gegen die Polizeikräfte anzusetzen. Nach einem Dauerbombardement mit Pflastersteinen können erst einige zu Hilfe gerufene Hundertschaften unter dem Einsatz von Tränengasbomben und Reiterstaffeln die in Bedrängnis geratenen Einheiten befreien. Im Gegensatz zu früheren Straßenschlachten hat sich die Zahl der Verletzten umgekehrt: 20 Studenten und 130 Polizisten müssen ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen. Ein Zeit-Reporter zählt 2371 umherliegende Pflastersteine.

6. 11.-3. 2. 69
Aus Protest gegen die Einführung des «Master’s-Plan» am San Francisco State College, der mit Zulassungsbeschränkungen vor allem die Studienchancen farbiger Studenten ganz erheblich schmälern würde, stören mehrere Studentengruppen den Universitätsbetrieb durch Sabotageakte und die Sprengung von Lehrveranstaltungen. Die daraufhin vom Rektor herbeigerufene Spezialeinheit der Polizei, «Tactical Squad», löst auf dem Campus eine mehrstündige Schlacht mit etwa 4000 Studenten aus, von denen 700 verhaftet werden. Im Verlauf der nächsten vier Monate kommt es zur mehrfach abwechselnden Schließung und Wiedereröffnung des Collegs. Farbigen und weißen Studentenorganisationen gelingt es dabei, Kontakte mit gewerkschaftlich organisierten Arbeitern anzuknüpfen, die ebenso wie die Lehrergewerkschaft in Solidaritätsstreik treten, ohne jedoch dadurch die Verwirklichung der von der Universitätsadministration ausgearbeiteten Pläne verhindern zu können.

8. 11.
Nachdem Beate Klarsfeld schon am 9. 5. auf einer Veranstaltung in Berlin vor 3000 Studenten angekündigt hatte, Bundeskanzler Kiesinger wegen seiner früheren Mitgliedschaft in der NSDAP zu ohrfeigen, setzt sie ihr Vorhaben auf dem Parteitag der CDU in der Berliner Kongreßhalle in die Tat um. Dafür wird sie in einem Schnellverfahren zur Höchststrafe von einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Mann, der Rudi Dutschke mit einer Krücke blutig geschlagen hatte, war zu 200 DM Geldstrafe verurteilt worden.

16.11.
Die seit der Springer-Blockade von den Staatsanwaltschaften eingeleitete Flut von über 1000 Strafprozessen soll mit der auf der Fortsetzung der SDS-Delegiertenkonferenz in Hannover zur Debatte stehenden Justizkampagne thematisiert werden. Jedoch läßt die zunehmende ideologische Verfestigung der einzelnen Fraktionen keine plenare Diskussion mehr zu. Die späteren maoistischen Studentenparteien KPD und KBW sind in den Beiträgen der SDS-Gruppen Berlin und Heidelberg im Keim schon klar erkennbar. In dieser paralysierten Situation verteilt der Frankfurter «Weiberrat» seinen «Rechenschaftsbericht», mit dem er aus dem «Kanon einander bekämpfender Fraktionen» ausbricht und an dessen Ende die Forderung steht: «Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.»

28. 11.
Nach der Besetzung und anschließenden polizeilichen Räumung von Direktionsräumen der Berliner Film- und Fernsehakademie werden 18 der insgesamt 68 Studenten relegiert.

3.12. – 15. 2.1969
In Frankfurt beschließen 1200 Studentinnen und Studenten der Abteilung für Erziehungswissenschaften einen unbefristeten Boykott aller Lehrveranstaltungen, um damit eine Verkürzung des Lehrerstudiums auf eine «Fachidiotenausbildung» von sechs Semestern zu verhindern. Daraufhin solidarisieren sich die Soziologen mit ihnen und beschließen am 6. 12. auf einer Vollversammlung einen «aktiven Streik zur Neuorganisierung des Studiums». Im drei Tage später besetzten und in «Spartakus-Seminar» umbenannten Soziologischen Seminar wird eine Vielzahl unabhängiger, von Studenten selbst organisierter Arbeitskreise eingerichtet. Obwohl das Seminar bereits im Morgengrauen des 18. 12. auf Veranlassung der Hausherren Adorno, von Friedeburg und Habermas von der Polizei geräumt wird, bereiten die Studenten zusammen mit dem AStA eine weitere Expansion des Streiks vor. Dies trifft zwar auch mit einer Ausbreitung auf andere Fachbereiche am Jahresbeginn zunächst einmal ein, jedoch zeigen sich schon nach einer am 7. 1. ergebnislos abgebrochenen öffentlichen Diskussion mit dem hessischen Kultusminister die ersten Risse in der Streikbereitschaft der Studenten. Auf der Vollversammlung der AfE am 10. 1. werden erstmals massive Vorwürfe gegen den SDS vorgetragen und der Versuch gemacht, den Streik als «untaugliches Mittel zur Studienreform» wieder abzubrechen. Als sich dann am 31.1. – einen Tag nach den Ereignissen um das Sporthilfekonzert, mehrere Soziologen zu einer Streikdiskussion im Institut für Sozialforschung versammeln, fordern Adorno, von Friedeburg und Habermas wiederum Polizei zur Räumung an. Von den 76 Festgenommenen wird nur der als «Rädelsführer» beschuldigte Hans-Jürgen Krahl in Haft behalten. Die nun folgenden Aktionstage, die am 6. 2. zur Freilassung Krahls führen, ersetzen die Diskussionen um eine inhaltliche Veränderung des Studiums durch die Auseinandersetzung mit den staatlichen und institutionellen Machtorganen. Am 4. 2. werden im Anschluß an ein von 2000 Studenten besuchtes Teach-in, auf dem die Fotos von mutmaßlichen Polizeispitzeln an die Wand projiziert werden, die Räume des Universitätsjustitiars aufgebrochen und dessen Akten verbrannt.

Zu Beginn der Semesterferien am 15. 2. arbeiten zwar noch eine ganze Reihe der eingerichteten Streikgruppen weiter, mit dem Aufbau von außeruniversitären Basisgruppen in Stadtteilen und Betrieben zeichnet sich jedoch schon der Weggang der SDS-Aktivisten von der Hochschule ab.

19.12.
Im Rektorat der Berliner FU explodiert ein Molotow-Cocktail.

31.12.
Auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Gründungsparteitag der KPD, zu der sich der Spartakusbund mit anderen linksradikalen Gruppierungen unter der Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – am 31.12.1918 – zusammenschloß, gründet der dissidente Altkommunist Ernst Aust gegen die als «revisionistisch» .und «moskauabhängig» bezeichnete DKP die KPD/Marxisten-Leninisten.

1969

12.1.
In Westhofen an der Ruhr gründen die nach den Jugendfestspielen in Sofia ausgeschlossenen SDS-Mitglieder den «Marxistischen Studentenbund Spartakus», der sich als Bündnisorganisation der DKP versteht und zur mitgliederstärksten Hochschulorganisation in der Bundesrepublik wird.

13. l.
An der Berliner FU fallen wegen eines am 8. 1. beschlossenen Streik gegen das Ordnungsrecht alle Lehrveranstaltungen der Philosophischen Fakultät aus.

16. 1.
Der tschechische Student Jan Palach zündet sich aus Protest gegen die sowjetische Okkupation auf dem Prager Wenzelsplatz an. Als er kurze Zeit später seinen schweren Verbrennungen erliegt, kommt es erstmals wieder zu großen öffentlichen Demonstrationen gegen die Besatzungsmächte.

17. 1.
Bei einer Urabstimmung an der Berliner FU, die die neue Hausordnung zum Gegenstand hat, billigen 59,9 Prozent der Studenten den Beschluß des Konvents, die Hausordnung abzulehnen.

18. 1.
Der Studentensprecher der Juristischen Fakultät der FU wird mit einem weiteren Studenten relegiert. Sie sollen Vorlesungen gestört und Fakultätssitzungen gesprengt haben.

19. 1.
Nach zweitägigen erbitterten Kämpfen, bei denen sich die Belagerten mit einem Hagel von Steinen und Molotow-Cocktails verteidigten, gelingt es 8000 japanischen Polizisten, die letzte Bastion der von Zengakuren besetzten Tokioer Universität zu räumen. Erst unter dem massiven Einsatz von Hubschrauberstaffeln, Tränengasbomben und Schneidbrennern geben die Studenten den seit Juni vergangenen Jahres besetzten Turm des Auditoriumsgebäudes auf. .

23. 1.
Wegen des Aufführungsverbots eines Films über den «Mai ’68» brechen in mehreren Pariser Gymnasien Schülerrevolten aus, die nach Kämpfen mit der CRS schnell auf die Sorbonne und die Universität von Vincennes übergreifen. 585 Schüler und Studenten werden während der Straßenkämpfe verhaftet.

30. 1.
Am 36. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung veranstaltet Versandhauschef Neckermann ein Sporthilfekonzert mit Herbert von Karajan, zu dem unter dem Schutz von 2000 Bereitschaftspolizisten u. a. auch Bundeskanzler Kiesinger und Innenminister Benda erscheinen. Der SDS mobilisiert mit dem Flugblatt «Ohrfeigt Kiesinger!» 1500 Demonstranten gegen die Exklusivveranstaltung, die die Durchfahrt des Wagens von Altbundeskanzler Erhard verhindern. Während die Polizei nach Beendigung des Konzerts während der Auseinandersetzungen um die Abfahrt der Besucher dreizehn Demonstranten verhaftet, zertrümmert ein motorisierter Stoßtrupp von Unbekannten in einer Blitzaktion die Scheiben des Amerikahauses, des spanischen Generalkonsulats und verschiedener Banken.

27.3.
Mit sofortiger Wirkung verfügt die Bundesregierung die Sperrung aller Zuschüsse an den Verband Deutscher Studentenschaften.

1. 4.
In Offenbach erscheint die Gründungserklärung des Sozialistischen Büros. In Abgrenzung zur «Spontaneitätsideologie» und «traditionellen Organisationsformen» wollen die vorwiegend aus der Kampagne für Demokratie und Abrüstung stammenden Mitglieder «eine bessere Kommunikation und Kooperation unter der sozialistischen Linken entwickeln und damit zur größeren Effektivität und Organisierung sozialistischer Arbeit beitragen».

11.-29. 4.
200 Demonstranten verhindern durch eine blitzartige Stürmung der Frankfurter Flughafenhalle die Abschiebung des persischen Studenten Ahmed Taheri, der aus politischen Gründen im Iran gesucht wird. Am 26. 4. versuchen SDS-Studenten im Universitätssekretariat die Rückmeldung zum Sommersemester so lange zu blockieren, «bis auch Taheri wieder immatrikuliert worden ist». Daraufhin wird die Universität von Polizeieinheiten besetzt. Am 28. 4. entwickelt sich auf dem Campus eine Schlacht, die mit der Räumung des Studentenhauses und der Verhaftung von 31 Studenten endet. Einen Tag darauf beginnt ein neues Scharmützel, als sich Polizisten vom Hauptgebäude und Studenten vom Studentenhaus aus gegenseitig mit Wasserschläuchen und Feuerlöschern bespritzen und anschließend mit Steinen, Flaschen und Eisenteilen bewerfen. Noch während die Auseinandersetzungen im Gange sind, legen Unbekannte im Statistischen Seminar Feuer, wodurch der Dachstuhl des Universitätshauptgebäudes abbrennt. Als die Studenten anschließend von mehreren Hundertschaften vom Universitätsgelände gedrängt werden und auf den Zufahrtsstraßen Barrikaden errichten, kann die Polizei 28 Studenten verhaften und die übrigen Verkehrsblockaden auflösen.

28. 4.
Am Okinawa-Kampftag, an dem japanische Studenten für die Rückgabe der von den USA 1952 vereinnahmten Insel demonstrieren, gelingt es einigen Zehntausenden, die Polizei auszumanövrieren, einen kilometerlangen Straßenzug im Zentrum von Tokio zu besetzen und für kurze Zeit zum «befreiten Gebiet» zu erklären. Bei der Räumung in der nun folgenden Nacht werden rund 1000 Studenten verhaftet.

29.4.
An der FU beginnt eine Serie von Vorlesungssprengungen an der Juristischen und der Philosophischen Fakultät, die bis zum Ende des Semesters andauert. Am 18. 5. wird dabei das Osteuropa-Institut von der Polizei geräumt und einen Tag später an der Juristischen Fakultät, nachdem dort verschiedene Professoren mit Farbeiern beworfen worden waren, eine polizeiliche Einlaßkontrolle eingeführt.

7. 5.
Wegen politischer Differenzen mit seiner Ehefrau und Kolumnistin Ulrike Meinhof werden in Hamburg-Blankenese die Innenräume der Villa des konkret-Herausgebers Klaus Rainer Röhl von dreißig Berlinern demoliert.

21.5.
Das Rektorat der Bonner Universität wird von der Polizei geräumt, nachdem es kurz zuvor von 150 Studenten besetzt worden war.

3.6.
In Frankfurt räumt die Polizei das besetzte Seminar für Wirtschaftswissenschaften und verhaftet 39 Studenten.

7.-17. 6.
Als die Nahverkehrsbetriebe in Hannover ihre Beförderungstarife erhöhen, beginnen 300 Jugendliche die Straßenbahnschienen zu blockieren und gleichzeitig durch eine «Rote-Punkt-Aktion» den Nahverkehr mit Privatautos selber zu organisieren. Als die Polizei trotz massiven Einsatzes von Tränengas und über 100 Festnahmen in den nächsten Tagen den Straßenbahnverkehr nicht aufrechterhalten kann und die Anzahl der Demonstranten bis auf 5000 anschwillt und diese zudem noch Solidaritätsadressen aus mehreren Betrieben erhalten, beschließt der Magistrat einen Einheitstarif auf der Höhe des zuvor niedrigsten Einzelpreises.

12. 6.
An der Berliner FU wird die «Rote Zelle Germanistik» gegründet, nach deren Vorbild an fast allen Universitäten der Bundesrepublik sich ähnliche, marxistisch-leninistisch orientierte Hochschulzellen bilden. Die «Rotzeg» will eine «revolutionäre Berufspraxis im Klassenkampf» vorbereiten und «einen Beitrag zur Zerschlagung der Bourgeoisie» und «zur Bekämpfung der Klassenuniversität» leisten.

18. 6.
Auf seinem Jahreskongreß in Chicago spaltet sich der amerikanische SDS in die maoistische SWA («Studenten-Arbeiter-Allianz») und die antiautoritäre RYM («Revolutionäre Jugendbewegung»), aus der die «Weathermen» entstehen, die in der Folgezeit militante Stadtguerilla-Aktionen durchführen. Ihr Name stammt aus Bob Dylans Song «Subterranean Homesick Blues», in dem es heißt: «Du brauchst keinen Wettermann, um zu wissen, woher der Wind weht.»

27. 6.
Als mehrere hundert Studenten in Frankfurt nach einer Germanistik-Vollversammlung die Türen des Deutschen Seminars einschlagen und dort versuchen, mehrere Professoren zur Unterzeichnung einer gegen das Ordnungsrecht gewandte Resolution zu bringen, werden 48 Studenten von der herbeigerufenen Polizei festgenommen.

5. 7.
Unmittelbar nach dem Tod ihres Gitarristen Brian Jones veranstalten die Rolling Stones für ihre Plattenfirma Decca ein Live-Konzert im Londoner Hyde Park, zu dem 250000 Jugendliche kommen. Ihr «StreetFightingMan» beginnt zwar mit dem Aufruf: «Die Zeit ist reif, in den Straßen zu kämpfen», endet jedoch mit der Zeile: «Aber was kann ein armer Junge anderes tun, als in einer Rock ’n‘ Roll-Band zu singen ? »

25. 7.
Etwa 2500 Demonstranten fordern vor der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit die Freilassung mehrerer inhaftierter Bundeswehr-Deserteure. Als dennoch am 27. 7. sieben von ihnen ohne Wissen ihrer Anwälte in die Bundesrepublik ausgeflogen werden, findet am 8. 8. eine Protestkundgebung vor dem Bundeshaus mit 4000 Teilnehmern statt.

1. 8.
In Berlin tritt ein neues Universitätsgesetz in Kraft, mit dem die studentischen Körperschaften, Konvent und Allgemeiner Studentenausschuß, liquidiert sind.

8. 8.
Die «Manson-Family», eine okkulte Kommune aus San Franciscos Haight-Ashbury, dringt in eine Vorortvilla von Los Angeles ein und ermordet die fünf Anwesenden, unter ihnen die Filmschauspielerin Sharon Täte, die Frau des Regisseurs Roman Polanski.

17.-19. 8.
Als nach der fünfzigstündigen «Schlacht von Bogside» im nordirischen Londonderry, bei der sich die unterprivilegierten Katholiken gegen Übergriffe der protestantischen Polizei wehren, Premierminister Wilson britische Spezialtruppen entsendet, beginnt der nordirische Bürgerkrieg.

15.-17. 8.
Unter dem Motto «Love and Peace» strömen auf dem Farmgelände von Woodstock im amerikanischen Bundesstaat New York 400000 Jugendliche zu einem dreitägigen Popfestival zusammen. Dieses größte und friedlich verlaufende Massenmeeting der Jugend, auf dem Jimi Hendrix mit dem Gitarrensolo «Star Spangled Bannen» das US-Sternenbanner elektronisch zerfetzt, dient mit seiner entspannten Atmosphäre als Hintergrund für einen profitablen Musikfilm gleichen Titels, der vom Hollywoodkonzern Warner Brothers gedreht wird.

2.-19. 9.
Als in Dortmund 3000 Arbeiter aus der Frühschicht der Westfalenhütte, die der stahlproduzierenden Hoesch AG zugehörig ist, vor die Hauptverwaltung ziehen und «wegen eines zu niedrigen Tarifangebots» erneute Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Vorstand erzwingen, lösen sie eine Welle spontaner Streiks im Stahl- und Bergbau aus, die etwa 150000 Arbeiter ergreift.

3. 9.
Ho Chih Minh, der Staatspräsident Nordvietnams, Vorbild der Studentengeneration der sechziger Jahre, stirbt im Alter von 79 Jahren in Hanoi.

30. 9.
Vor einem Chicagoer Schwurgericht beginnt der Prozeß gegen die «Chicago 8», die der «Rädelsführerschaft» bei den Kämpfen während des demokratischen Parteitags vom August 1968 beschuldigt werden. Es sind die beiden Yippies Jerry Rubin und Abbie Hoffmann, die beiden SDS-Leader Tom Hayden und Rennie Davies, der Pazifist David Dellinger und neben zwei unbekannteren Angeklagten der Vorsitzende der Black Panther Party, Bobby Seale. Nach heftigen Zusammenstößen zwischen dem 74Jährigen Richter Julius Hoffman und Bobby Seale wird dieser zunächst gefesselt und geknebelt und später völlig aus dem Gerichtssaal entfernt und der Prozeß in seiner Abwesenheit beendet. Nach viereinhalb Monaten werden die Angeklagten zwar im Punkt der Verschwörung freigesprochen, jedoch zusammen mit ihren beiden Verteidigern wegen Mißachtung des Gerichts zu Gefängnisstrafen zwischen zwei Monaten und vier Jahren verurteilt.

6.10.
In Chicago sprengen Weathermen mit einer Dynamitladung die Gedenkstatue für die sieben Polizisten, die bei den Hay-market-Kämpfen 1886 mit deutschen Anarchisten ums Leben gekommen waren, in die Luft.

8.-12.10.
Mit dem Schlachtruf «Bring the war home» versuchen die Weathermen in den «Four Days of Rage» Chicago in ein zweites Vietnam zu verwandeln. Mit Steinen, Stöcken, Tränengasgranaten und Molotow-Cocktails stürmen sie aus dem Lincoln Park hervor, werden aber nach einem kurzen Überraschungsmoment durch eine Übermacht von 2000 Polizisten überwältigt. Am Ende des vierten Tages sind sechs Weathermen erschossen und 287 verhaftet.

21.10.
In Bonn beginnt mit der Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler die Regierung der sozial-liberalen Koalition von SPD und FDP.

15. 11.
Auf dem vom Koordinationsausschuß «New Mobe» organisierten Marsch auf Washington demonstrieren 250000 gegen den Krieg in Vietnam. 45000 Teilnehmer defilieren dabei in Einerreihen an einem Sarg vorüber, in denen sie Namensschilder von in Vietnam gefallenen GIs werfen. Diese «Parade des Todes» ist acht Kilometer lang und dauert 36 Stunden. Am selben Tag findet an der Westküste ein Marsch auf San Francisco statt, an dem sich 100000 Kriegsgegner beteiligen.

15. 11.
In Frankfurt demonstrieren 2500 Studenten gegen den Vietnam-Krieg. Dabei werden die Scheiben von mehreren amerikanischen Einrichtungen in der Innenstadt eingeworfen und ein am Straßenrand parkender Ferrari-Sportwagen mit Benzin überschüttet und angezündet. Währenddessen scheitert der Versuch von 150 Demonstranten, auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens den Black Panther Albert Howard in Empfang zu nehmen; dieser wird nach einem kurzen Verhör nach Paris abgeschoben. Insgesamt werden 85 Demonstranten an diesem Tag festgenommen.

6.12.
Um kostenlose Statisten für einen Tourneefilm zu finden, geben die Rolling Stones auf einer Autorennbahn bei San Francisco, Altamont, ein Free Concert, zu dem über 300000 Jugendliche erscheinen. Während des Stückes « Sympathy for the Devil » erdolcht die als Ordnungskraft eingesetzte Rockergruppe Hell’s Angels vor den Augen der Rockband und den laufenden Filmkameras den jungen Farbigen Meredith Hunter. Die Show geht dennoch weiter; am Ende werden drei Tote und 700 Verletzte gezählt.

6.-7.12.
Mit dem Scheitern der Arbeitskonferenz der «Roten Presse Korrespondenz» in Berlin ist der letzte Versuch einer überfraktionellen Vereinigung der aus der APO stammenden Betriebs- und Basisgruppen zerbrochen.

5.12.
Im Morgengrauen werden zwei Mitglieder der Black Panther Party in ihren Betten von der Chicagoer Polizei erschossen; unter ihnen Fred Hampton, der Führer der Chicagoer Gruppe.

1970

10.2.
Das frühere SDS-Bundesvorstandsmitglied Hans-Jürgen Krahl wird bei einem Autounfall tödlich verletzt.

21. 3.
Der SDS-Bundesvorstand gibt seine formelle Auflösung bekannt. Die letzte darüber hinaus noch existierende SDS-Gruppe wird in Heidelberg nach schweren Zusammenstößen mit der Polizei bei einer antiimperialistischen Demonstration vom baden-württembergischen Innenminister am 24. 6. verboten.

4. 5.
Die Bundesregierung gibt eine begrenzte Amnestie für «Demonstrationsstraftäter» bekannt.

Quelle: Peter Mosler – Was wir wollten, was wir wurden