Nachwort

Mit dieser Veröffentlichung habe ich versucht, eine Lücke zu füllen, weil genaue und ausführliche Darstellungen der 1968er Jahre aus undogmatischer, antiautoritärer Sicht höchst selten sind.

Mir war auch wichtig manches, was in verschiedenen Büchern über meine Aktivitäten steht, auf Grund meiner ausführlichen Protokolle genauer darzustellen und bisweilen zu korrigieren. Auch habe ich weitgehend den üblichen feuilletonistischen Stil vieler Biografien zu vermeiden versucht, die oft mit Hilfe von Journalisten verfasst wurden. Ich habe zumeist nur das behauptet, was ich belegen kann und mich nicht über das, was ich nur gehört habe und vermute, in möglichst blumigen Formulierungen ausgelassen. Dem Leser mache ich es oft nicht leicht, weil ich zahlreiche längere Texte im Wortlaut wiedergebe, damit man die damalige Argumentation und Ausdruckweise leichter nachvollziehen kann und das Mitgeteilte authentisch bleibt.

Bei der Darstellung der Geschichte des INFO Berliner Undogmatischer Gruppen habe ich nur die ersten zwei Jahre miterlebt und mitgestaltet. Die Darstellung der Entwicklung von Mitte 1976 bis zum ­INFO-Ende Herbst 1978 basiert nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern auf den vorhandenen INFO-Ausgaben. Mir war aber wichtig, das INFO BUG von der ersten bis zur letzten Ausgabe zu behandeln, weil anders als bei der Berliner Szenezeitung „883“ noch niemand die Spontizeitung im Überblick behandelt hat, die immerhin über fünf Jahre hinweg die politischen Aktivitäten der Undogmatischen Linken in Westberlin begleitet und auf sie eingewirkt hat.

Das Nachwort ist kein Nachruf auf 1968. Denn viele der damals angestoßenen Veränderungen haben sich als höchst lebensfähig erwiesen und nachhaltige Wirkungen hinterlassen. Zu keiner Zeit wurden in einem so kurzen Zeitraum so viele bis dahin geltende kulturelle Selbstverständlichkeiten so gründlich in Frage gestellt und Alternativen gesucht und gefunden. Der Versuch antikapitalistische Betriebsarbeit mit revolutionärer Perspektive durchzuhalten, war allerdings bald gescheitert. Dennoch bleibt der Bereich der kapitalistischen Produktion nach wie vor prägend für die gesellschaftlichen Verhältnisse und beeinflusst unser Verhalten, das es zu verändern gilt im Hinblick auf ein solidarisches nicht entfremdetes Handeln. Hingegen bestärkt die Konkurrenz im Marktgeschehen den Egoismus des Einzelnen und erklärt das sogar zum förderungswürdigen gesellschaftlichen Prinzip. Und als evidentes Ergebnis ist die Meinung vorherrschend, dass der Mensch nun einmal von Natur aus egoistisch sei und der Erfolg des Kapitalismus das beweise. Aber es ist ein fadenscheiniger erzwungener Erfolg; denn die wichtigste kapitalistische Produktivkraft ist die Angst vorm Versagen und vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Das spornt zu Höchstleistungen an, beinhaltet aber, dass der Arbeiter sich „in der Arbeit außer sich“ (Marx, MEW 40, 514) fühlt. Hinter der glitzernden Fassade verbergen sich entfremdete Arbeitsverhältnisse und zunehmendes psychisches Elend der von den Anforderungen Gestressten und der Ausgeschlossenen, die in dem mörderischen Wettbewerb chancenlos geworden sind.

Kapitalismus allgemein
Wenn man einmal begriffen hat, auch in entsprechenden Begriffen ausgedrückt, wie der Kapitalismus läuft, wirkt diese Erkenntnis wie ein Stachel, der dauerhaft schmerzt und wütend macht darüber, dass wir Menschen, die wir mit unglaublichen Fähigkeiten und Erkenntnissen ausgestattet sind, bisher daran gehindert wurden, unsere Geschicke selbst in die Hand zu nehmen und Produktion und Reproduktion kraft unserer Vernunft planvoll und menschlich zu gestalten, statt sich der Kapitalverwertung als bewegendem Prinzip auszuliefern, das sich hinter unserem Rücken vollzieht. Um das begreifen zu können führt weiterhin kein Weg an einer „Kapital“-Lektüre vorbei. Immer noch trifft zu, was Marx über das lohnabhängige Arbeitsvermögen festgestellt hat, dass der besondere Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft darin besteht, dass sie mehr Wert schafft als zu ihrer Reproduktion erforderlich ist und sich das Kapital diesen Mehrwert ganz unentgeltlich aneignet, um sich immer weiter selbst zu verwerten.

Wenn es auch noch nicht in absehbarer Zeit gelingen wird, diese weltumspannenden zerstörerischen Produktionsverhältnisse abzuschaffen, so müssen wir doch schon in Teilbereichen Veränderungen herbeiführen und gegebenenfalls erzwingen. Das betrifft die Kämpfe im unmittelbaren Reproduktionsbereich ebenso wie die gegen unsinnige Infrastrukturprojekte großer Konzerne, die unter dem Deckmantel, Arbeitsplätze zu sichern, weiterhin Raubbau an Mensch und Natur betreiben. Veränderungen sind notwendig und möglich. Dazu ist oft ein Jahrzehnte dauernder zäher Widerstand nötig, wie die Anti-AKW-Bewegung und Initiativen von Attac oder Greenpeace eindrucksvoll gezeigt haben.

Die herrschenden Zustände tatenlos und fatalistisch hinzunehmen, beleidigt unsere Vernunft, die sich nicht beruhigen sollte bei der schicksalhaft erscheinenden Unterordnung unter ein „dingliches“ Verhältnis, nämlich die Verwertungsbewegung des Kapitals, die ein völlig gefühls- und gesichtsloses Verhängnis darstellt, das uns täglich in Angst und Schrecken versetzt. Ein Verhältnis, das unberechenbar ist, sich quasi als höhere Gewalt und als Gattungsschicksal etabliert hat, zu unerträglichen persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen führt, zu Ängsten, Depressionen und Demütigungen. Dieses Verhältnis überzieht den ganzen Planeten mit Ökokatastrophen, Erderwärmung, Resourcenausbeutung und -verschwendung, Meeresverschmutzung, Dürre- und Hungerkatastrophen, sowie Kriegen, die Entwurzelung und Migrationsströme auslösen.

Kapitalismus im Stadtteil
Das sind also die sehr weit gefassten Dimensionen, in die auch das auf den ersten Blick unscheinbare Feld der Stadtteilarbeit, der Reproduktion, einzubeziehen ist. Um produzieren zu können, müssen sich die Menschen umfassend reproduzieren. Diese Reproduktion, die Wiederherstellung der Arbeitskraft, vollzieht sich vorwiegend im Stadtteil und ist in ihrer Qualität immer wieder bedroht durch steigende Lebenshaltungskosten, vor allem bei den Mieten. Hier haben sich dauerhaft Abwehrkämpfe entwickelt, die zugleich über das Wesen des Kapitalismus aufklären sollten.

Im Stadtteil ist der Kapitalismus in etlichen Facetten greifbar und angreifbar: in seiner Verschwendung, in der blendenden Überfülle seines Warenangebots, in den künstlich verkürzten Laufzeiten seiner Produkte (der so genannten Obsoleszenz) und ganz besonders in seinem Profithunger, der sich in der Gentrifizierung und ständig steigenden Mieten ausdrückt. Der alte Slogan „Wohnen darf nicht länger Ware sein!“ weist weiterhin auf diese Zusammenhänge hin und gibt die Richtung des Protests an. Kapitalgesellschaften kaufen ganze Wohnungsberge, um sie mittels Sanierung zu verwerten und um dann überhöhte Mieten zu kassieren. Auch die Gestalt unserer Städte ist Ausdruck der Kapitalverwertung. In den Zentren erwerben Konzerne den teuren Baugrund, errichten Konsumtempel, Geschäfts- und Bürobauten und fügen allenfalls einige Wohnungen im hohen Preissegment hinzu. Durchschnittsmieter wurden an den Stadtrand verdrängt. Ein Prozess, der sich in Westberlin Ende der 1960er Jahre beispielhaft mit der Errichtung der riesigen Trabantenstädte in der Gropiusstadt und im Märkischen Viertel vollzog und dort erhebliche Proteste nach sich zog.

Die Nachwirkungen von 68
Von 1968 ist in jedem Fall das rebellische Element geblieben, der Widerspruch, das Aufbegehren, nichts mehr unhinterfragt zu lassen, mithin das Antiautoritäre, das durch alle gesellschaftlichen Bereiche vagabundiert, auf eine gesamtgesellschaftliche Organisierung verzichtet, sich mit der Selbstorganisation der Konflikte bescheidet und aus den unmittelbar auf die Protagonisten und ihre Bedürfnisse bezogenen Interventionen seine Kraft zieht. Seit 1968 hat sich gezeigt, dass es ein verbreitetes Bedürfnis gibt, mit Spaß an etwas neuem Widerständigen mitzuwirken, mit Anderen Teil einer Gruppe oder einer Bewegung zu werden, ein gutes solidarisches Gefühl zu haben im Engagement für eine vertretbare drängende Sache. Dabei steht häufig das Gefühl im Vordergrund, die rationalen Begründungen folgen erst an zweiter Stelle. Irgendwann schlug sich das auch in der Sprache nieder, dass „aus dem Bauch heraus“, also gefühlsmäßig die Aktivität stimmig sein sollte.

Als Folge von 1968 begannen die undogmatischen Gruppen der Linken die Gesellschaftsveränderung zugleich als Selbstveränderung zu begreifen. Dieser Gesichtspunkt bleibt bis heute zentral, indem wir die Axt an die Wurzel unseres Verhaltens legen, um nicht ständig das Bestehende in uns zu reproduzieren. Fremdbestimmung und Entfremdung lassen sich nur überwinden in lokalen, hierarchiefreien Lebens- und Aktionsräumen, im selbstbestimmten Handeln, in das die eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse eingehen. Entsprechend diesem antiautoritären auf Selbstveränderung zielenden Verhalten sind auch irgendwelche Kampagnen nicht die angemessene Form der Auseinandersetzung, weil sie lediglich als Kampf um die Hegemonie in den abstrakten Sphären der Politik stattfinden. Denn auch das Private ist politisch. Das bezieht sich auf die ganze gesellschaftliche Sphäre der Reproduktion und betrifft die Betreuung der Kinder, Jugendlichen und Alten ebenso wie das gemeinsame Wohnen und die Selbstverwaltung im Stadtteil. Wohn-Kommunen können als Formen des Wohnens entstehen, in denen Verantwortung für die Kinder kollektiv übernommen wird. Gegenseitiges Kennenlernen im Wohnumfeld und eine Vernetzung mit organisatorischen Konsequenzen kann als eine politische Antwort auf die Vereinzelung im Stadtteil angesehen werden. Einige Bereiche der Produktion und Reproduktion wurden bereits auf diese Weise dem Verwertungszwang entzogen. Die so gemachten ermutigenden Erfahrungen können weitergegeben werden und dazu motivieren, sich undogmatisch Theorie anzueignen, sich selbst zu organisieren und sich antiautoritär zu verhalten.