Rezensionen/Lesungen

Lesungen:

Donnerstag, 06.Juni 2019 um 20 Uhr in der Karl Marx Buchhanldung, Jordanstr. 11, 60486 in Frankfurt am Main

Selbstorganisiert und Antiautoritär – Lesung mit Lothar Binger und Freia Anders

Von der Studentenbewegung bis zum besetzten Rauch-Haus und darüber hinaus – Der Kulturhistoriker Lothar Binger spricht mit Freia Anders von der Uni Mainz über sein neues Buch “68 – Selbstorganisiert und Antiautoritär”.


Mittwoch, 20. Februar 2019 um 20:30 Uhr in der Z-Bar, Bergstraße 2, Mitte / Rosenthaler Platz

Der Literarische Salon

Berlin-Buch: Lothar Binger liest aus seiner politischen Biografie

Lesung & Gespräch – Moderation: Britta Gansebohm


Freitag, 25. Januar 2019, 19 Uhr Bibliothek der Freien / Greifswalder Str. 4,  10405 Berlin

Lothar Binger: 68 – selbstorganisiert & antiautoritär

Der 68er-Aufbruch: Neue Vorstellungen von Erziehung, Sexualität, Beziehungen von Frauen und Männern und Versuche eines anderen Zusammenlebens in Kommunen und Wohngemeinschaften. Darüber berichtet Lothar Binger, Autor des Buches „68 selbstorganisiert & antiautoritär“.


Rezensionen:

Bernd Hüttner in CONTRASTE:

Binger: 68 – selbstorganisiert und antiautoritär

Rezension einer beeindruckenden Autobiografie über «68» und die 1970er Jahre

Lothar Binger erzählt in seiner politischen Autobiografie aus seinem Leben in der undogmatischen radikalen Linken in Westberlin von 1967 bis 1978. Es ist die Zeit, in der antiautoritäre Kinderläden gegründet werden und einige von ihnen gleich im Keller mit einer Druckmaschine illegal Klassiker aus der Weimarer Linken zur proletarischen Erziehung als Raubdruck erstellen. Dieses Beispiel zeigt das grundlegende Prinzip dieser Spektren der Linken: «Wenn es etwas nicht gibt, und es niemand anderes tut, machen wir es eben selbst». In einem Wort: Selbstorganisation.

Binger, geboren 1941 und damit 1967/68 schon einer der älteren Aktivist_innen, hat sein Studium bereits 1963 begonnen. Er ist als Kriegswaise in einer, wie er es nennt «proletarisch-kleinbürgerlichen» Pflegefamilie aufgewachsen, was ihm Zeit seines Lebens einen kritischen Blick auf Hierarchien und eine tiefe und fundierte Sympathie für antiautoritäres Denken und Handeln beschert. 1972 schließt er sein Studium ab; er wird Vater von zwei Kindern: einmal mit Anfang/Mitte 20 und dann nochmals über 20 Jahre später. Hier schreibt keiner, und das ist wohltuend, der seine linke Zeit denunzieren muss – im Gegenteil. Er ist, wie viele andere, gerne Indianer, kein Häuptling, und bleibt dies auch.

Konkret geht es um die heute legendäre Undergroundzeitung «Linkeck» 1968, den ersten Berliner Kinderladen und das dazugehörige Publikationsorgan «Kinderladen-Info», die Stadtteilarbeit in Kreuzberg mit dem Lehrlingstheater «Rote Steine» und den «Ton Steine Scherben» 1970, die ersten Berliner Hausbesetzungen des «Jugendzentrums Kreuzberg» und des «Rauch-Hauses» 1971, die Gruppe Undogmatischer Marxismus (GUM) 1972 bis 1974, die Stadtteilgruppe Charlottenburg 1973 und das «INFO BUG» (Info Berliner Undogmatischer Gruppen) 1974 bis 1978 als das wöchentlich erscheinende Kommunikationsorgan für die Sponti-Linke in Westberlin, an dem Binger die ersten zwei Jahre seines Erscheinens aktiv mitarbeitet. Binger beschreibt die Anfänge der Westberliner Studierendenbewegung, die Faszination der Aneignung der bis dahin unbekannten und verschollenen linken Traditionen aus der Weimarer Zeit, und die Konflikte zwischen den undogmatischen Gruppen und denen, die sich auf die RAF beziehen.

Das alles unter der Devise: Selbstorganisiert, undogmatisch, antiautoritär und selbstverständlich antikapitalistisch. Der mit «68» bzw. eigentlich bereits 1967 gestartete Aufbruch mit seinen zahlreichen Facetten, von der Erziehung, dem neuen Verständnis von Sexualität, von veränderten Frauen/Männerbeziehungen bis hin zu den Versuchen eines anderen Zusammenlebens in Kommunen oder Wohngemeinschaften wird deutlich. Die Verkehrsformen treten in den Fokus, Feste werden veranstaltet, der Stadtteil entdeckt. Man will Subjekt und nicht Objekt sein. Die lokale Arbeit wird von einigen als theoriearme Handwerkelei selbstkritisch diskutiert. «Kommunikation» und «Gruppe» heißen die neuen Zauberwörter, die Gruppe und bald auch die kommunistischen und autoritären Kaderparteien werden jedoch für viele zum Familienersatz, was, wie sich bald zeigt, nicht wirklich funktionieren kann. Binger schildert dies unaufgeregt und authentisch. Immer wieder dokumentiert er längere Zitate aus (internen) Protokollen oder zeitgenössischen Publikationen. Er kann plausibel machen, wie und warum viele der ambitionierten Vorhaben an den mitgebrachten und nicht mit einem Willensakt änderbaren, persönlichen «Macken» scheitern.

Als die Spontis sich, zumindest in den größeren Städten, langsam zerstreuen, entstehen um die Wende zu den 1980er Jahren daraus mindestens drei «Ansätze»: Die Grüne Partei, die militante, autonome Bewegung und dazwischen das weite Feld der alternativen Bewegungen und Projekte, zu dem anfangs z.B. auch die taz zu zählen ist.

Die Lektüre des Buches ist eine Freude und trotz des Umfangs an keiner Stelle langatmig. Vieles von dem, was Binger in der historischen, aber trotzdem persönlichen Rückschau beschreibt, etwa zur Klassenherkunft oder auch zu Motivation und autoritärer Charakterstruktur vieler Linker, liest sich heute erstaunlich aktuell. Leider. Sein indirektes Plädoyer für den aufrechten Gang und Selbstreflexion macht Mut. Dass das Buch kein Sach- und Personenregister hat, ist verschmerzbar. Auf einer zum Buch gehörigen Website finden sich weitere Informationen.

https://www.rosalux.de/news/id/39919/


 

Gerd Nowakowski im Tagesspiegel vom 11.01.2019:

Der lange Atem der Bewegung

Die Studentenbewegung hatte Helden – und Tausende in der zweiten Reihe, die die Revolte durch die Jahre trugen. Ein Zeitdokument von Lothar Binger

Etliche Personen, die 1968 in der ersten Reihe der Studentenbewegung standen, haben 50 Jahre danach das mediale Interesse genutzt, um sich noch einmal im besten Licht darzustellen. Die bewegten Zeiten, die eine für die Entwicklung der Bundesrepublik wichtige Inbesitznahme der demokratischen Verfasstheit durch eine junge, unbelastete Generation markierte, waren aber nicht nur ins Werk gesetzt durch die Leitfiguren wie Rudi Dutschke, Christian Semler oder Fritz Teufel. Hinter der ersten Demo-Reihe liefen vielmehr Tausende, die in den Jahren nach 1968 an vielen Stellen die Gesellschaft ganz praktisch veränderten und mit ihrem Engagement erst eine Öffentlichkeit schufen für viele Themen, die heute selbstverständlich geworden sind – von einer demokratischen und gewaltfreien Kindererziehung über neue Frauenrollen, Beziehungsmodelle oder dem Protest gegen Atomkraftwerke und der Entdeckung der Ökologie als Schicksalsfrage der Menschheit.

Der Kulturhistoriker Lothar Binger präsentiert unter dem Titel „68 – selbstorganisiert und antiautoritär“ zum Abschluss des Gedenkjahres eine politische Biografie, die aus der Perspektive eines damaligen Aktivisten der zweiten Reihe sehr präzise diese Jahre der Veränderung von 1968 bis 1978 festhält. Der 1941 geborene Binger hat die Revolte von 1968 aus dem Blickwinkel eines jungen Familienvaters erlebt, der in Berlin mit Frau und Kleinkindern das Ringen um neue Beziehungsmodelle und freie Sexualität in den Wohngemeinschaften wie auch die schwierige Suche nach freiheitlichen Erziehungskriterien in der antiautoritären Kinderladenbewegung erlebt. Der eruptive Aufbruch, der eigentlich schon 1967 begann mit der Gründung der Kommune 1, dem Tod von Benno Ohnesorg bei den Protesten gegen den Schah vor der Deutschen Oper, den Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und dem Attentat auf Rudi Dutschke, war ja nur das Vorspiel für die weitere Entwicklung und Ausdifferenzierung der (west)-deutschen Linken.

Schon 1968 beginnt der Zerfall der Studentenbewegung

Das Gefühl der Gemeinsamkeit, dass sich in den Vollversammlungen, Demos und Teach-Inns immer wieder neu auflud, währte ja nicht lange. Schon 1968 begann der Zerfall der Studentenbewegung in die Spaßfraktion der Mitglieder der Kommune 1, die wie Rainer Langhans das esoterische Selbstwohlsein zum Lebensmittelpunkt machten, den Apologeten einer kommunistischen Kader-Ideologie nach chinesischem Vorbild oder denen, die sich auf einen terroristischen Irrweg zur angeblichen Befreiung der geknechteten Arbeiterklasse mit Waffengewalt machten. Binger, der selbst Agitationstheater machte, ein früher Hausbesetzer war, sich im Umfeld der Agitprop-Band „Ton Steine Scherben“ bewegte und Mitgründer der „Gruppe Undogmatischer Marxismus“ war, präsentiert ein eindringliches Zeitdokument. Auch am „Info Bug“, einer Infozeitschrift der undogmatischen Gruppen in Berlin, die ein Vorläufer der linken Tageszeitung „Taz“ war, arbeitete er mit.

Der Mythos vom Mariannenplatz

In dem großen Bogen über ein bewegtes Jahrzehnt widersteht Binger jeder Versuchung, die damaligen Zeiten nachträglich mit einem Glorienschein linker Selbstgefälligkeit zu versehen, sondern bleibt nüchterner Dokumentarist. Denn dieses Jahrzehnt war eben bei allen ehrlichen Bemühungen der Aktivisten, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, auch eine Zeit der Irrungen und Verirrungen oder der falschen Frontstellungen. So räumt Binger im Zusammenhang mit dem bis heute nach Georg von Rauch benannten Haus am Kreuzberger Mariannenplatz mit dem Mythos auf, dass der Jung-Terrorist von den „Bullen“ ermordet wurde. Dieser schoss vielmehr zuerst aus nächster Nähe auf die Polizisten, die seinen Ausweis sehen wollten.

Für die Generation, die diese West-Berliner Zeit selbst erlebt hat, ist Bingers Buch eine gedruckte Zeitreise zurück in eine Zeit, als vieles noch möglich schien – bevor sich Lebensentwürfe zwischen beruflicher Tätigkeit und Familiengründung verfestigten, ideologische Träumereien von der revolutionären Wende platzten oder der lange Marsch durch die Gesellschaft begann. Die verschiedensten Gruppen, die Stadtteilarbeit in Kreuzberg oder Charlottenburg machten, die revolutionären Lehrlingsprojekte und Agitprop-Theater – sie alle finden sich wieder. Von besonderem Wert sind die vielen Auszüge aus Flugblättern und Streitschriften, die heute faszinierend-befremdlich wirken. Binger schlägt den Bogen bis zum Tunix-Kongress im Januar 1978, genau zehn Jahre nach dem legendären Vietnam-Kongress in der Freien Universität. Das Treffen der 20 000 Teilnehmer markiert den Beginn einer ganz eigenständigen Entwicklung, weg vom elitären Stellvertretertum: Richtschnur des eigenen Handelns waren nicht mehr die Theorien der revolutionären Überväter von Marx bis Mao oder die selbst ernannte Rolle als Avantgarde zur Befreiung der Arbeiterklasse, sondern der Aufbruch in eine Alternativkultur, in der die eigenen Bedürfnisse zusammenkamen mit dem Protest gegen die atomare Aufrüstung, der Bedrohung des Weltklimas und der Atomkraft. Wer wissen möchte, aus welchen Quellen sich die Gründung der Grünen speiste oder auch die „Taz“, der findet bei Binger viel zum Schmökern und Nachdenken.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-buecher-der-lange-atem-der-bewegung/23857380.html