Vorwort

Meine politische Biografie ist einerseits als Erinnerung für diejenigen gedacht, die bei der 68er-Revolte dabei waren, andererseits für diejenigen, die auch heute eine nichtkapitalistische Gesellschaft wollen und diese Utopie aufrecht erhalten, um nicht an dem ganzen Scheiß zu ersticken, der uns tagtäglich zugemutet wird.

Viel zu sehr lag bei der periodisch wiederkehrenden 68er-Rückschau vor allem der Fokus auf denjenigen Studenten, die das Antiautoritäre hinter sich ließen, eine leninistische Partei des Proletariats faktisch unter studentischer Führung aufzubauen versuchten oder den bewaffneten Kampf propagierten und versucht hatten. Viel zu wenig war die Rede – allenfalls noch in Leserbriefen –, von der überwiegenden Mehrzahl der politisierten Linken, die sich an gesellschaftlichen Teilkonflikten in kleinen Gruppen selbstorganisierten. Das waren nicht die spektakulären Ereignisse, die für Jubliäumserinnerungen taugten. Aber erst die Vielfalt und das persönliche Engagement bewirkten, dass in vielen gesellschaftlichen Bereichen Veränderungen angestoßen wurden.

Die Revolte löste zahlreiche Elemente der alten Ordnung auf, der bis dahin verbindlichen Verhaltensweisen, der kulturellen Standards, des Verhältnisses der Geschlechter zueinander, das der Kinder zu ihren Eltern, der Schüler zu ihren Lehrern. Diese Bewegung wurde nicht von einer einzigen hierarchisch strukturierten Organisation getragen, war nicht von einem Zentrum gesteuert, sondern hatte im antiautoritären Aufbegehren des Einzelnen aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Wurzeln. Als einzige akzeptable Organisationsform für diese Haltung erwies sich die Selbstorganisation, der vorübergehende vielleicht auch nur lockere Zusammenschluss mit anderen, deren Bedürfnisse ähnlich lagen, die sich aber andererseits keinen Zwang antun wollten und deshalb auch oft zur Unverbindlichkeit neigten.

Diese 68er-Erfahrungen bestanden aus Misserfolgen und aus Erfolgen, die aber weiterhin hoffen lassen – nicht auf eine Revolution im herkömmlichen Sinne – aber dass sich manches ändern lässt, wenn man es denn anpackt. Dazu will ich ermutigen, auf dem Boden der eigenen Bedürfnisse selbstorganisiert Probleme aufzugreifen und nach antikapitalistischen Lösungen zu suchen. Das geht nicht ohne Theorie, nicht ohne einen weiterentwickelten Marx und nicht ohne einen kritisierten Freud und nicht ohne die vielen anderen Autoren und Autorinnen vor allem auch des Feminismus, die sich bis heute an den Urgroßvätern der Befreiung abgearbeitet und neue Akzente gesetzt haben.

Das Inhaltsverzeichnis gibt detailliert Aufschluss darüber, wo und wie ich meine politischen Erfahrungen gemacht habe. Das vorliegende Buch ist als ein Beitrag zur Geschichtsschreibung von unten zu verstehen und als Erfahrungsschatz für die jüngeren Generationen antikapitalistisch Aktiver. Ganz ausführlich werden die vielen kleinen ­Schritte aufgezeigt, die die Mikrostrukturen erkennen lassen, die täglichen Mühen und Aktivitäten. Die Rekonstruktion war nur möglich auf der Grundlage meiner zahlreichen Protokolle, die aus dieser Zeit stammen und einen relativ genauen Eindruck von dem vermitteln können, was wir empfunden, gedacht und gemacht haben.

Der Schwerpunkt meiner damaligen Aktivität lag im Reproduktionsbereich, also in der außerbetrieblichen gesellschaftlichen Sphäre, dem Ort der „Wiederherstellung der Ware Arbeitskraft“. Sicherlich lassen sich durch alleinige Kämpfe in diesem Bereich nicht die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aus den Angeln heben, aber es können sich in überschaubaren Projekten nicht entfremdete Strukturen entwickeln, andere Einstellungen gegenüber dem Eigentum und einem kollektiven Zusammenleben, die Verhaltensänderungen bewirken und auf eine befreite Gesellschaft hoffen lassen jenseits der pessimistischen Auffassung, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt.

In dieser Veröffentlichung versuche ich im Detail deutlich zu machen, worin die Emanzipation im Kleinen, die Selbstveränderung und darüber hinaus die Gesellschaftsveränderung gelang, wo sie scheiterte und was sich nach dem „bewegten“ Jahrzehnt von 1967-77 im eigenen Berufsumfeld verändern ließ, ohne dass es sogleich mit der Systemfrage verbunden wurde. Den revolutionären Gestus hält man ohnehin nicht ein Leben lang durch; aber man kann rechtzeitig beginnen, die Fackel weiterzugeben um das brennende Verlangen nach einem anderen nicht entfremdeten Leben aufrecht zu erhalten.